Aufsatz 
Notizen zur Culturgeschichte der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts : mit besonderer Beziehung auf Frankfurt a. M. / von Wilhelm Seibt
Entstehung
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1558 die Engländer und 1562 viele calviniſche Niederländer Frankfurt wieder verließen. Das während der Friedenszeit unter Ferdinand I. und Maximilian II. gedeihende Gemeinwohl der Stadt wurde wiederholt durch eine peſtartige Seuche ſchwer geſchädigt. Maximilian dem Zweiten gegenüber, welcher am 24. November 1562 in Frankfurt zum römiſchen König gewählt und im Dome gekrönt wurde, und der 1564 ſeinem Vater als Kaiſer folgte, gerieth der Rath in große Verlegenheit wegen einer in Frankfurt erſchienenen, gegen das Reichsoberhaupt und die Gegner des in die Reichsacht erklärten Herzogs Johann Friedrich von Gotha gerichteten Schmähſchrift. Der letztere hatte ſich nämlich des unruhigen Abenteurers Grumbach angenommen. Allein das auch diesmal angewandte Univerſalmittel, welches ſchon bei des Kaiſers Vorfahren in ähnlichen Fällen ſich ſo wirkſam gezeigt hatte, war von dem beſten Erfolge gekrönt: der Rath lieh dem erzürnten Monarchen 30,000 Gold⸗ gulden. Freilich mußte in der Folge noch gar oft dieſem und ſeinem Sohne Rudolf II. in ihrer Geldbedrängnis klingende Hilfe geleiſtet werden. Die Niederländer, welche von Frankfurt nach der Pfalz weggezogen waren, wurden erſetzt durch viele ihrer Landsleute, die vor der Grauſamkeit der Spanier entflohen und als fleißige Gewerbtreibende, als tüchtige Kaufleute und Banquiers der Stadt großen Nutzen brachten. Aber mit der Einſetzung der Reformierten in ihre Rechte zögerte der Rath noch viel länger, als bei Beginn der Reformation rückſichtlich der lutheriſchen Gemeinde und der Prädicanten; die Gotteshäuſer beider reformierter Gemeinden wurden das eine 1792, das andere 1793 eingeweiht.(Vergl. die Niederländiſchen und die Franzöſiſche Gemeinde in Frankfurt a. M. Von Dr. jur. Friedrich Scharff. Archiv für Frankfurts Geſchichte und Kunſt, neue Folge, II., S. 245 317.) Im Uebrigen werden wir in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wenig Spuren der guten alten Zeit finden. Schon während des Interims zeigte ſich der Uebermuth der Patricier, welche die meiſten Sitze im Rathe inne hatten und nach dem Ausſpruche eines ihrer Mit⸗ glieder die übrige Bürgerſchaft als Plebs anſahen.*) Das willkürliche, herriſche Verfahren der Junker erfüllte die Bürger mit einer Erbitterung, welche endlich im Fettmilchiſchen Aufſtande zum Ausbruch kam. Der Rath trat 1572 den Juden förmlich den Geldwechſel ab; die alten Reichs⸗ münzen wurden eingeſchmolzen und an ihrer Stelle geringhaltigere in Umlauf geſetzt; der Wucher nahm überhand. Das Verfahren der Criminaljuſtiz war ein höchſt grauſames, das durch Karls V. peinliche Gerichtsordnung eher verſchärft als gemildert worden war. Die Tortur wurde angewandt, um das Eingeſtändnis der Schuld zu erzwingen, gröbere und geringere Verbrechen wurden durch die mannigfaltigſten Arten der Todesſtrafe geahndet. Oft erachtete das Gericht den Tod nicht als hin⸗ reichend zur Sühne, der Hinrichtung gingen nicht ſelten raffinierte Martern voraus. Aber auch auf leichteren Vergehen ſtanden ſchwere Strafen, z. B. das Auspeitſchen am Pranger, ja ſogar der Verluſt der Augen.

Die erſte Hälfte des 16. Jahrhunderts war in Deutſchland nicht blos durch die ſiegreichen Kämpfe der Reformation und des Humanismus eine wunderbar geiſtig bewegte Zeit, auch die bil⸗ denden Künſte, namentlich Sculptur, Malerei, die Kunſt des Kupferſtichs und des Holzſchnitts und nicht minder das geſammte Kunſthandwerk gelangten in ihr zur reichſten, herrlichſten Blüte. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war jedoch ſchon die Mehrzahl der großen Meiſter aus dem Leben geſchieden. Albrecht Dürer ſtarb 1528, Hans Holbein der jüngere 1543, der dritte bedeutende

*) Dr. G. L. Kriegk, Geſchichte von Frankfurt a. M., S. 233.

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