Dass bei einem so traurigen Zustande im Innern das deutsche Reich seinen äusseren Feinden ge- genüber keiner Kraſtentwickelung fähig war, leuchtet von selbst ein. Der Schutz der Gränzen wurde ver- nachlässigt und immer verwegener und verderblicher drängten auf die deutschen Gaue im Norden die Normannen, im Osten die zahlreichen slavischen Stämme. Jene hatten damals die ganze Nordküste Deutsch- lands von der Elbe westlich, insbesondere fast ganz Friesland in ihrer Gewalt. Aus Furcht vor ihren Verheerungen flohen die Küstenbewohner ins Innere der Länder, waren aber auch hier vor den kühnen und schnellen Raubschaaren nicht sicher. Diese drangen auf der Elbe bis ins Innere des Sachsenlandes und 880 ward von ihnen Herzog Bruno mit dem gesammten Adel der Provinz und seinem ganzen Heere erschlagen). Gegen die Slaven gewährte das einst so trefflich geordnete Markensystem von der Donau bis zur Elbe keinen Schutz mehr; sie erchlugen S892 den Bischof Arnt von Würzburg ²) und gegen die gefährlichsten unter ihnen, die Böhmen und Mähren, ermattete endlich der sonst so tüchtige König Arnulf nach langen, vergeblichen Anstrengungen. Aber zu allen diesen Feinden gesellten sich seit 8S89 noch dic wilden Ungarn ⁴), die entsetzlichste Geissel, unter welcher jemals unser Vaterland geblutet hat. Welches grauenvolle Gemälde entwerfen uns die gleichzeitigen Geschichtschreiber von diesem schrecklichen Volke, mit welchem sie an wilder Zerstôrungswuth, Raubsucht und Grausamkeit nur die Hunnen furchlbaren Anden- kens, deren Namen sie auf jene übertrugen, zu vorgleichen wusstent Glaubten doch von ihnen die Zeitgenossen, dass Menschenfleisch ihre ljebste Kost, Menschenblut ihr liebstes Getränk sei, dass sie die Herzen der Gefan- genen zerlegten und dieselben als- Gesundtheitsmittel verschlängen! Schon das Aeussere dieser Barbaren erregte Furcht und Entsetzen. Klein und unansehnlich war ihre Gestalt, aber kräflig ihr Gliederbau und ungewöhnlich ihre Stärke und Gewandtheit; tief lagen die kleinen, funkelnden Augen in dem hässlichen, braungelben Gesichte; auf ihren kleinen, aber pfeilschmellen Pferden brausten sie daher wie ein reissender Strom; Schrecken ging vor ihnen her, nichts konnte ihrem gewaltigen Andrange widerstehen und selbst im Fliehen schossen sie mit unglaublicher Kraft und sicherheit ihre mörderischen Pfeile. Unermessliche Beute schleppten sie aus allen Gegenden, welche sie erreichen konnten, zusammen, verbrannten Klöster, Kirchen, Städte und Dörfer, verwüsteten weit und breit die Fluren und trieben die Menschen zu Tausenden, an die Schweife der Pferde gebunden oder mit den Haaren zusammengeflochten, in die härteste Sklaverei. Von den Gräuelthaten dieser Wütheriche wissen die Annalen ⁴) jener Zeit fast zu jedem Jahre zu berichten. Schon 899 drangen sie in Italien ein, 900 griffen sie Baiern an, 901 verheerten sie Kärnthen, in den fol- genden Jahren wurde Baiern regelmässig von ihnen heimgesucht; bereits 906 erreichten sie auch Sachsen und im folgenden Jahre erlag ihnen die Kraft des Baiernvolkes in blutiger Mordschlacht unweit des Innstroms ⁵); der Baiernherzog Liutpold selbst wurde erschlagen, sein ganzes Heer vernichtet; es fielen die Bischöfe von Salz- burg, Freisingen und Brixen, mit ihnen eine grosse Anzahl Grafen und Aebte und nur mit Mühe rettete sich der vierzehnjährige König Ludwig mit wenigen Getreuen nach Passau. Jetzt stand ilmen ganz Deutschland offen:
1) Annal. Fuld. h. a.(Pertz I, 393). 2) Reginonis chron. a. 892(Pertz I, 605). 3) Am ausführlichsten von allen älteren Schriftstellern berichtet über sie Regino a. 889(Pertz I, 599). 4) Es sind namentlich ausser Regino die Annales Alamannici, Fuldenses, Augienses, die Fasti Corbejenses, der Annalista Saxo u. a. 5) Annal. Salisburg.(Pertz I, 89), Ann. Alam.(Pertz I, 54), Ann. S. Emmerammi min.(Pertz I, 94). 2


