72
mag, doch sehr wichtige Anhaltspuncte zur Feststellung der Chronologie darbieten. Dagegen können wir aus den Vitae Sanctorum, dieser sonst so ergiebigen Fundgrube, für unsern Zweck, wenn man von einigen unbedeutenden Notizen über die Ungarneinfälle in den beiden Lebensbeschreibungen der h. Wiborada, Klaus- nerin von St. Gallen, absehen will, nicht den mindesten Gewinn ziehen. Auch eine andere, für die histo- rische Forschnng, namentlich, im karolingischen Zeitalter, so reichhaltige Quelle, die Capitularien und Reichsgesetze, verlässt uns hier völlig; dagegen gewähren uns die Verhandlungen der berühmten Altheimer Reichs- und Kirchenversammlung eine nicht unbedeutende Ausbeute 1).
Bevor ich mich nun nach dieser kurzen Uebersicht über die Quellen zur Geschichte Konrad's J. selbst hinwende, sei es mir gestattet, den Zustand Deutschlands zur Zeit seiner Thronbesteigung in wenigen Zügen zu schildern. Denn wer das Wirken eines Regenten richtig beurtheilen will, muss sich vor Allem die Fragen beantworten: In welchem Zustande fand er das Reich bei seiner Thronbesteigung? und: Wie war der Zustand desselben bei seinem Tode?
Die Trennung der deutschen Völker von ihren romanischen Nachbarn im Süden und Westen, mit welchem sie durch Karl den Grossen zur fränkischen Monarchie vereinigt worden waren, kam durch die Verträge von Verdun(843) und Mersen(870) sowie durch die Wahl Arnulfs von Kärnthen(878) zur Entscheidung. Seitdem ist von einer fränkischen Monarchie nicht mehr die Rede, wenn sich auch eine Erinnerung an jene frühere Vereinigung noch längere Zeit hindurch in den Benennungen„Ostfranken“ und„Westfranken“ erhielt. Im Gegensatze zu Frankreich und Italien bildete sich ein deutsches Reich und dieses bestand in der politischen Vereinigung der fünf deutschen Hauptvölker, der Franken, der Sachsen, zu welchen letzteren die Friesen und die Thüringer meist hinzu- gerechnet wurden, der Baiern, der Schwaben oder Alemannen und der Lothringer, welche letztere jedoch sich bald zu den Wesitfranken oder Franzosen, baid zu den Ostfranken oder Deutschen hielten. Aber dieses deutsche Reich war unter den letzten Karolingern in eine sehr traurige Lage gerathen und bietet ein um so abschreckenderes Bild dar, je lebhafter man sich die Grösse in's Gedächtniss zurückruft, zu welcher Karl der Grosse die deutschen Völker erhoben hatte. Die Könige hatten fast alle Macht, die Gesetze fast alles Ansehen verloren; innere Zwietracht lähmte jede Thätigkeit nach aussen; es war eine Zeit der Auf- lösung und der Gährung, in welcher die von dem grossen Karl begründeten Keime einer neuen Entwick- lung zerstört wurden, in welcher das Bestehende unterging, ohne dass etwas Neues und Besseres an die Stelle treten konnte. Bei den steten inneren Kriegen der Karolinger hatten die Könige den Beistand der Grossen durch Vergabungen aller Art erkaufen müssen. Dadurch verarmte die Krone, verringerten sich die Reichsgüter, schmälerten sich die königlichen Rechte; immer trotziger erhob der mächtige Lehnsadel, den Karl der Grosse mit starker Hand niederzuhalten gewusst hatte, sein Haupt; die einst so heilsame Einrich- tung der Sendboten hörte auf; diese Sendboten oder auch die Markgrafen, welche den Heerbann in den Gränzprovinzen gegen die Feinde führten, oder andere durch Adel des Geschlechts hervorragende, reich- begüterte Männer erhoben sich zur herzoglichen Würde und so erstanden die alten National-Herzogthümer, die Karl d. G. als das mächtigste Hemmniss der Königsgewalt vernichtet hatte, von neuem, ja sie gelang- ten ſast gleich nach ihrem Enistehen zur Erblichkeit und entzogen sich dadurch fast allem Einflusse der Krone. Wenn diese stolzen Herzoge selbst den karolingischen Königen, deren Thron doch auf der er-
1) Von diesen Verhandlungen besitzen wir jetzt bei Pertz(IV, 555— 560) einen vollständigen, kritisch
geläuterten Abdruck.


