Aufsatz 
Feier des 75jährigen Bestehens der Realschule und Einweihung des Neubaues der Oberrealschule in Mainz, 24. - 25. April 1906. Festbericht
Entstehung
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wirken verſtehe; ein Geſchlecht, das ſeinen göttlichen Urſprung jeden Tag aufs neue beweiſe in ernſter Tat.

In kurzem Hinweis über Endzweck und letztes Ziel jeden Unter⸗ richts und aller Erziehung, das zuſammenzufaſſen ſei in die wenigen, wichtigen WorteLerne fürs Leben, habe Redner empfohlen, dieſen tiefen Sinnſpruch über die Pforte der neuen Anſtalt meißeln zu laſſen, da dieſe Forderung, richtig und in ihrer ganzen Tragweite verſtanden, ebenſoweit von einſeitigem Nützlichkeitsprinzip entfernt ſei, wie von ziel⸗ loſem Hinträumen nach zwar ſchönen, aber unpraktiſchen, nicht den An⸗ forderungen der Zeit angepaßten Ideen; ebenſofern von Materialismus, wie von Verachtung alles deſſen, was das Leben verſchönt und ver⸗ edelt: nicht einſeitige Vorbildung für dieſen oder jenen Beruf, ſondern Tauglichmachung fürs Leben; dennNur der verdient die Freiheit, wie das Leben, der täglich ſie erwerben muß!

Unter Bezugnahme auf das Volk der Griechen, das den Glanzpunkt ſeiner nationalen Entwicklung und Größe zurzeit der heftigſten Kämpfe mit einem übermächtigen Feinde erklommen, erkennt Redner zuſammen⸗ faſſend das Ziel der Schularbeit in allſeitiger Anſpannung, Stählung und Vervollkommnung der Kräfte des Knaben und Jünglings, einerlei an welchen ſpeziellen Disziplinen dies auch geſchehe, wenn es nur den geforderten Erfolg fürs Leben erziele. Aus dieſer Erkenntnis erwachſe von ſelbſt die Notwendigkeit für die Gleichſtellung ſämtlicher höheren Schulen, da ſie ja alle das ganz gleiche Ziel erſtreben: ihren Zöglingen ein ſolches Maß geiſtiger Ausbildung und ſittlicher Kraft zu verleihen, daß ſie befähigt werden, ſpäter aus eigenem Entſchluß einen Lebensberuf oder eine Studienlaufbahn zu ergreifen. Aber eben dieſe vorauszuſetzende Kraft zur Erreichung jenes Zieles könne den beiden Schweſtern des humaniſtiſchen Gymnaſiums nicht mehr länger beſtritten werden. Darum begrüße er die vor einigen Tagen auch für Heſſen erfolgte Gleichſtellung aller höheren Schulen als das koſtbarſte Patengeſchenk, das der Oberrealſchule beim Einzug in ihr neues Heim habe zuteil werden können. Freie Bahn! heiße nun die Loſung, und dem gehöre die Zukunft, der ſich in jenem edlen Wettſtreit am tüchtigſten und fürs Leben brauchbarſten bewähre; denn die Notwendigkeit ſei ſtets der allerbeſte Lehrmeiſter, die Brauch⸗ barkeit aber der beſte Prüfſtein in allen Dingen. Darum dürfe man der ſicheren Zuverſicht ſein, daß beide nunmehr mit größeren Rechten und ſomit auch mit größerer Entwicklungsfreiheit ausgeſtatteten getrennten Anſtalten mit gleichem Erfolg an der Hebung und Veredlung des ge⸗ ſamten Volkes wirken, wie das Gymnaſium es ſeither getan.

In dieſer hochwichtigen Kulturarbeit ſeien in den Schulen ſelbſt⸗ redend aus den Tüchtigen die Tüchtigſten herauszuheben, um eine ſegen⸗