Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Zur Auffaſſung des Drama's in aͤſthetiſcher Hinſicht gehört ein reiferes Alter. Wenn auch ſchon privatim einzelne Schiller'ſche Dramen bei den Schülern früher geleſen worden ſind, ſo war doch das Intereſſe des Inhalts faſt das alleinige, auf die Ausführung der Idee und auf die Form des Stückes wurde weniger Rückſicht genommen. Die Lectüre in der Schule ſoll aber die Tendenz haben, dem Schüͤler das Aeſthetiſchſchöne im Ganzen, und in einzelnen Characteren und Situationen, ſowie in der Form zum Bewußtſein zu bringen. Ganz beſonders geeignet hierzu werden ſein Schiller's Wallenſtein, Tell, Göthe's Ipbigenie, Leſſing's Nathan. In ihnen finden wir neben der Schönheit der Form unermeßliche Schätze herrlicher Ideen, die das Gemüth erheben und das Herz veredeln.

Nachdem durch einzelne Muſter in verſchiedenen Gattungen der Poeſie, beſon⸗ ders in der Liederdichtung und Romanzen⸗ und Balladenpoeſie, der Sinn für das Schöne geweckt und ausgebildet worden, bleibt zweitens noch für die erſte Claſſe übrig, den Schüler mit den Fortſchritten der deutſchen Poeſie, mit dem Geiſte der⸗ ſelben in dem jedesmaligen Zeitalter und mit dem Characteriſtiſchen der einzelnen Dichter bekannt zu machen. Dieſes verbindet ſich mit dem Unterrichte der deutſchen Literaturgeſchichte. Während früher der Schüler auf die Idee einzelner Gedichte ſein Augenmerk zu richten hatte, ſo iſt es hier der ſich in den Gedichten ausſpre⸗ chende Geiſt des Dichters, welchen er erfaſſen ſoll. Hier möchte zu beobachten ſein, daß die Literaturgeſchichte der älteren Zeit nicht zu weit ausgedehnt werde, und daß man mehr auf die uns näher liegende Zeit Ruͤckſicht nehme, auf die Periode von Klopſtock bis auf uns. In dieſer Periode finden wir unſere Claſſiker, welche der Jüngling kennen lernen ſoll. Um dieſe Kenntniß der Caaſſiker zu erlangen, gebe man von jedem bemerkenswerthen Dichter, nachdem ſeine Stellung in der Literatur bezeichnet worden, Proben ſeiner Gedichte, welche dann wohl nicht mehr einer weitläufigen Erklärung bedürfen; und ſei, wenn man viel Gutes findet, nicht zu ſparſam. Es iſt eine unrichtige Methode des Geſchichtsunterrichts, wenn man nicht die neuere Zeit berührt, ebenſo fehlerhaft möchte es ſein, wenn man in der Literaturgeſchichte etwa ſtehen bleibt bei Schiller und Göthe, ohne die Dichter unſeres Zeitalters zu erwähnen. Wenn dieſe auch noch nicht von Allen anerkannt ſind, weil ſie theils noch zu wenig geleſen, theils nicht verſtanden worden ſind, ſo nimmt doch das Intereſſe von Tag zu Tag zu und ſchon manches Gedicht derſelben iſt ein Eigenthum des Volkes geworden. Und warum ſollten ſie den