— 27—
Auch beſitzt die deutſche Sprache kein zur Lectüre auf Gymnaſien geeignetes Epos der neueren Zeit. Aber ſie iſt reich an Producten der lyriſchen Dichtart, in welchen ein Moment des Epiſchen enthalten iſt, an Romanzen und Balladen, und an rein lyriſchen Gedichten, an Liedern. Romanzen und Balladen ſtellen in lyriſcher Form eine Begebenheit dar, in der Romanze meiſt aus dem Mittelalter, in der Ballade aus dem Volksleben genommen. Und während dies bei der Romanze im lebhaften Kleide des Südens, aus welcher ſie zu uns gekommen iſt, geſchieht, führt uns die Ballade ihren Stoff in düſterm Ernſte vor, den ſie aus ihrer nordiſchen Heimath mitgebracht hat. Dieſem ihrem Character nach ſind Balladen und Romanzen be⸗ ſonders geeignet zum Vortrag. Daher wird es zweckdienlich ſein, daß der Lehrer, nachdem er die Idee des Gedichtes erklärt, und den Schüler in den Stand geſetzt hat, ſich in die Stimmung des Dichters bineinzudenken, daſſelbe zuerſt ſelbſt vortrage. Dadurch wird der Eindruck ſtark, und die Schönheit des Ganzen auf einmal vor die Seele des Schülers geführt und um ſo mehr ergreifen; während bei der Me⸗ thode, nach welcher die Schüler abwechſelnd Strophe nach Strophe leſen, ohne nur genau zu wiſſen, was ſie leſen, der erſte Eindruck verwiſcht, und die Schönheit nicht erkannt wird. Um aber nach Erklärung des Gedichtes daſſelbe noch mehr zum Bewußtſein zu bringen, laſſe man es declamiren. Gut geleitete Declamationsübun⸗ gen gewähren neben den Vorzügen der Gewinnung des äußeren Anſtandes und einer Gewandheit in der Rede bei öffentlichem Auftreten, deren Mangel dem Deut⸗ ſchen noch immer zum Vorwurf gemacht wird, auch noch den Vortheil, daß der Schüler durch das Recitiren cines Stückes gezwungen wird, auf das Ganze ſo⸗ wohl, als auf das Einzelne zu achten und über daſſelbe nachzudenken. Dem Lehrer aber werden dieſe Uebungen eine Probe ſein, ob der Schüler das Gedicht erfaßt hat, und ob es nöthig ſei, noch einzelne Erläuterungen anzuknüpfen. Der Anfang in der Erklärung der deutſchen Dichter für Jünglinge von 14—16 Jahren, bei welchen erſt der Zweck der Bildung des Schönheitsſinnes hervortritt, möchte wohl am paſſendſten mit den Schiller'ſchen lyriſchen Stücken gemacht werden. Er iſt der beliebteſte Dichter der Jugend durch die idealiſche Färbung ſeiner Poeſien. Auch einzelne Göthe'ſche Balladen eignen ſich, ſowie auch andere paſſende Gedichte nicht ausgeſchloſſen ſind. Bei der Auswahl ſolcher Gedichte iſt es jedoch nicht nöthig, daß man, wie es oft zu geſchehen pflegt, diejenigen ausſchließe, welche Liebe zu ihrem Gegenſtande haben, da der Schüler nicht denken ſoll, alle Lieb. ſei otwas 4


