Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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und römiſchen, ſo wird doch der Gang, welcher genommen werden muß bis zur böchſten Stufe, zum Drama, nach dem Unterſchiede der antiken und modernen Poeſie ein anderer ſein müſſen. In der modernen Poeſie herrſcht das lyriſche Element vor, und anſtatt mit einem Epos zu beginnen, muß bei dem Leſen deutſcher Dichter der Anfang mit kleineren Gedichten, welche für ſich ein abgeſchloſſenes Ganze bilden, gemacht werden. Zudem würde das Leſen eines längeren Stückes mehr Zeit wegnehmen, als der deutſchen Lectüre auf den Gymnaſien eingeräumt werden kann.

Götzinger:Steif. War die Schale ſo künſtlich, wie nicht eine, ſo war auch dieſe nicht künſtlich, als ob nicht der Sinn klar vor Augen läge: ſo künſtlich, wie nicht eine mehr zu finden war, d. i. die künſtlichſte. 8

Golden reicht ſie ihm die Kette dar.

Götzinger:Dies kommt nun freilich heraus, als ob das Mädchen golden geweſen wäre.! Schlegels Arion:

Und als im Hafen Schiffer kommen ꝛc.

Götzinger:Bedeutender Schnitzer für in den. Es will mir doch nicht ſo ſcheinen. Bekanntlich ſagt man nicht im Deutſchen:es kommen Schiffer in den Hafen, ſondern: ves kommt ein Schiff in den Hafen. Deshalb kann hier keine Rede von einem ankom⸗ menden Schiffe ſein, ſondern das Schiff liegt ſchon im Hafen, und die Schiffer ſteigen ans Land. Und indem das nächſt umliegende Land wohl auch noch zum Hafen gezählt wird, wenigſtens in der gewöhnlichen Sprache, ſo kann man mit noch größerem Rechte kommen für das Herannahen zu den Menſchen, welche dort verſammelt ſind, ſetzen.

Dieſe Beiſpiele unter vielen andern werden zur Genüge beweiſen, daß das ſonſt anerkannt gute Werk von Götzinger ſich nicht frei gehalten hat von allzugroßer Tadel⸗ ſucht. Man iſt manchmal verſucht, wenn man die matten Bemerkungen in beißendem oder ſatiriſchem(er ſoll wenigſtens dies ſein) Tone ſelbſt über die größten Dichter unſerer Zeit, über Göthe und Schiller, lieſt, an einen gewiſſen Neid zu denken, der den Ruhm und das Verdienſt Anderer nicht unangetaſtet laſſen kann. Soviel iſt gewiß, daß aus dem oben angeführten GrundeGötzingers deutſche Dichter kein Buch iſt, wel⸗ ches dem Schüler zur Lectüre in die Hand gegeben werden darf, wenn man anders nicht Gefahr laufen will, den Zöglingen allen Sinn für Poeſie zu nehmen, oder ſie zu ſolchen Leſern zu machen, die nur in der regelmäßigſten Conſtruction die größte Schönheit des Gedichtes finden. Der Lehrer, für welchen das Buch ebenfalls geſchrieben iſt, wird die Vorzüge des Buches benutzen können, und durch die Fehler darauf aufmerkſam gemacht werden, wie man nicht interpretiren ſoll.