Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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und betrachtend verhalten. Sodann aber iſt eine gründliche Erklärung der Gedichte erforderlich, welche Sprache und Inhalt erläutert und auf die Schönheiten derſelben aufmerkſam macht. Jedoch darf dieſe Erklärung, namentlich in ſprachlicher Hinſicht, nicht in eine tadelſüchtige Kritik ausarten, mit welcher man Wortſtellungen und Conſtructionen, Bildung neuer Wörter ꝛc. angreift. Kann ja doch der Dichter, durch Versmaß und Reim gebunden, nicht immer die Geſetze der Proſa befolgen, und zudem iſt ja die deutſche Sprache durchaus noch nicht abgeſchloſſen, ſondern der Vervollkommnung fähig. Und waren nicht von jeher die Sprachreformatoren auch Dichter, Luther, Klopſtock, Leſſing, Göthe?*).

*) In dieſe Tadelſucht iſt auch Goͤtzinger in ſeinendeutſchen Dichtern verfallen, und da dieſes Buch ſo vielfältig gerühmt worden iſt, und ſich einer bedeutenden Aufnahme zu erfreuen hatte, mag es um ſo paſſender ſein, auf dieſen Mangel deſſelben aufmerkſam zu machen. Es iſt nicht zu verkennen, daß das Werk ſeine Vorzüge beſitzt, namentlich was die hiſto⸗ riſchen Erläuterungen zu den Gedichten anlangt, die mit großem Fleiße ausgearbeitet find; jedoch iſt das Urtheil Götzingers über einzelne Dichter, wie mir es ſcheint, durch⸗ aus nicht immer das richtige. So ſtellt er, um ein Beiſpiel anzuführen, Fr. v. Schle⸗ gel in Eine Kategorie mit Chriſtian Stolberg. Das Werk iſt zunächſt für ſolche Schüler beſtimmt, bei welchen durch Erklärung deutſcher Schriſtſteller daſſelbe Ziel er⸗ reicht werden ſoll, welches die Gymnaſien durch die Lectüre der Griechen und Römer erreichen ſollen. Aus dieſem Zwecke erklären ſich auch die vielen grammatiſchen und kritiſchen Anmerkungen, die ſich durch das ganze Buch hinziehen. Jedoch iſt dieſe kritiſche Muſe Götzingers oft zu ſcharf oder zu grießgrämig, und findet in vielen anerkannt guten Gedichten Unvollkommenheiten und Fehler, die in der That wohl nicht in denſelben zu finden ſind. Hier mögen nur einige Beiſpiele zum Beweiſe des Geſagten ſtehen. Im Liede vom braven Mann von Bürger, Strophe 14 lieſt man:

Hier rief der Graf, mein wackrer Freund! Hier iſt der Preis; komm her, nimm hin! Sag an, war das nicht brav gemeint? Bei Gott, der Graf trug hohen Sinn, Doch höher und bimmliſcher wahrlich ſchlug Das Herz, das der Bauer im Kittel trug.

Jedermann erkennt wohl die Schönheit dieſer Strophe für ſich und im Verhältniß zum ganzen Gedicht. Der Dichter ſtellt die Handlungen des Grafen und des Bauers neben einander, um durch dieſen Vergleich die uneigennützige Hülfeleiſtung des letzteren im ſchönſten Lichte zu zeigen. Götzinger ſagt in einer Anmerkung zu dieſer Strophe: