Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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doch keine claſſiſche genannt werden können. Jean Paul in ſeiner Levana beant⸗ wortet die Frage, welche Dichter ſoll der Erzieher einführen? mit dem kurzen Worte: Unſere. Weder griechiſche, noch lateiniſche, noch hebräiſche, noch indiſche, noch franzöſiſche, ſondern deutſche. Dieſer Ausſpruch könnte uns irre machen an der Meinung des Schriftſtellers, wenn wir nicht gleich darauf in demſelben Buche ein Capitel über claſſiſche Bildung fänden, in welchem es heißt:Gleichwohl bleib' uns das Alterthum der Venus⸗ und Morgenſtern, der über dem Abend des Nordens ſteht. Die jetzige Menſchheit verſänke unergründlich, wenn nicht die Jugend vorber durch den ſtillen Tempel der großen, alten Zeiten und Menſchen den Durch⸗ gang zum Jahrmarkte des ſpäteren Lebens nähme."

Wenn aber auch die Beſchäftigung mit dem Alterthume ein Hauptmoment der claſſiſchen Bildung iſt, ſo darf dennoch auf Gymnaſien die Lectüre deutſcher Schriftſteller durchaus nicht vernachläſſigt werden. Die deutſche Literatur iſt ja die Heimath des Jünglings, während die antike ihm immer ferne ſteht, und in den Werken deutſcher Schriftſteller, in denen der Nationalgeiſt des deutſchen Volkes niedergelegt iſt, wird er ſich daher auch gerne ergehen. Freilich artet dieſe Luſt nach deutſcher Lectüre oft in das den Geiſt entnervende und das Gemüth verderbende Romanleſen aus, und es iſt daher doppelt darauf zu achten, daß die Methode beim Leſen deutſcher Schriftſteller in der Schule nicht allein den Sinn für das Schöne erwecke und ausbilde, ſondern daß ſie auch eine Hüterin ſei vor der Verderbniß des Geſchmacks. Die Lectüre der deutſchen Dichter fann aber auf Gymnaſien in den Lehrſtunden die Ausdehnung nicht erhalten, wie die der Alten, indem bei ihr der Zweck der Ausbildung des Verſtandes zurücktritt und dem Leſen der griechiſchen und römiſchen Schriftſteller mehr überlaſſen bleibt; ſie muß daher zum Theil auf die Erholungsſtunden verwieſen werden. Da aber die Lectüre der deutſchen Dichter in den Lehrſtunden ihrer Tendenz nach einzig nur den Schönheitsſinn bilden, großartige, edle Gedanken ſammeln, und den Schüler zur ſchönen Menſchlichkeit erziehen ſoll, ſo muß ihre Wirkung auf die Ausbildung des äſthetiſchen Gefühls dennoch mindeſtens ebenſo groß, ja noch größer ſein, als diejenige, welche durch das Leſen der alten Schriftſteller hervorgebracht wird.

Die anzuwendende Methode bei der Lectüre deutſcher Dichter wird, wie bei den antiken, nach Alter und Faſſungsvermögen der Schüler verſchieden ſein müſſen