Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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ſein können, und endlich ſtellt auch das Metrum und die durch daſſelbe bedingte verwickeltere Wortſtellung manche Hinderniſſe dem Ueberſetzen und Verſtehen der Gedichte entgegen. Daher iſt das Studium des Horaz nur für Geübtere und Ver⸗ ſtändigere geeignet, und deshalb in die oberen Claſſen des Gymnaſiums zu verweiſen. Noch ſchwieriger als die Oden ſind die Satiren des Horaz, welche aber, indem ihr Inhalt wenig poetiſch iſt, auch wenig zur Bildung des Sinnes für das Schöne beitragen, während ſie auf der andern Seite die Einſicht in römiſches Leben und römiſche Denkungsweiſe erweitern.

Außer dieſen angeführten römiſchen Dichtern iſt noch, einer, deſſen Gedichte wohl geeignet ſind, mit Auswahl auf Gymnaſien geleſen zu werden, Tibull, da ſeine Sprache nicht zu ſchwierig iſt, und ſein bedeutendes wenn auch nicht voll⸗ ſtändig ausgebildetes poetiſches Talent ihm die Stelle eines Schulautors hinlänglich ſichert. Siehe Diſſen in ſeiner Ausgabe des Tibull: Disquisitiones de poesi Tibulli, I, LXXXI.

Indem ſolcher Geſtalt die Lectüre der antiken Dichter auf Gymnaſien als geſchloſſen daſteht, gehen wir nun auf die Behandlung der deutſchen über. Die griechiſchen und römiſchen Dichter einerſeits und die deutſchen anderſeits ſtehen als Lectüre auf Gymnaſien in doppeltem Gegenſatz, zuerſt als Producte fremder Sprachen zu denen der Mutterſprache, ſodann als Producte der antiken Poeſie zu denen der modernen, welche letztere nur durch die deutſchen Dichter auf Gymna⸗ ſien repräſentirt werden kann. Aus dieſen beiden Gegenſätzen bildet ſich aber eine Verſchiedenheit der Methode bei der Lectüre derſelben, da die Tendenz des Leſens der vaterländiſchen Dichter fremden gegenüber im Allgemeinen eine andere werden muß, und in dem Unterſchied der antiken und modernen Poeſie auch ein verſchiedener Gang der Lectüre bedingt iſt.

Die Tendenz der Lectüre der deutſchen Dichter iſt alſo eine andere, als die⸗ jenige der griechiſchen und römiſchen. Bei dieſen iſt immer der Hauptzweck die Kenntniß der Sprachen, und durch ſie die Ausbildung des Verſtandes, wenn auch der Sinn für das Schöne gleichzeitig geweckt werden muß; bei jenen tritt der Zweck der Uebung der Erkenntnißkraft durch Sprachſtudium mehr zurück, wenn er auch nicht ganz verſchwindet. Hört man freilich in neueren Zeiten in letzterer Beziehung viele Stimmen, welche behaupten, daß durch eine geeignete Lectüre deutſcher Schrift⸗ ſteller dieſelbe Ausbildung des Verſtandes erzielt werden könne, als durch das Leſen der griechiſchen und römiſchen, ſo wird eine auf dieſe Weiſe angeeignete Bildung