Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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in der Poeſie. Die epiſchen Dichter der Römer ſind nur Nachahmer des Homer, und keiner von ihnen hat den Meiſter erreicht. Daher wäre es wohl ſchon hin⸗ reichend, wenn zur Kenntniß des antiken Epos der Schüler mit Homer bekannt gemacht würde. Jedoch haben die lateiniſchen Dichter auch ihr Eigenthümliches, welches ſie von den griechiſchen unterſcheidet, wenn ſie auch die Idee der antiken Poeſie mit denſelben gemein haben. Was die Methode bei der Lectüre der römiſchen Dichter im Allgemeinen anlangt, ſo muß ſie dieſelbe ſein, wie bei dem Leſen der grie⸗ chiſchen Dichter, und kann deßhalb hier übergangen werden. Uebrigens kann der Gang vom Epos zur lyriſchen Poeſie und zur Tragödie nicht eingehalten werden. Die Lectüre der lateiniſchen Dichter beginnt auf den Gymnaſien gewöhnlich früher, als die der griechiſchen, wenn es auch zuerſt nur Bruchſtücke einzelner Gedichte ſind, welche der Schüler aus Chreſtomathien kennen lernt. Der zur Anfangslectüre geeig⸗ netſte Dichter der Römer iſt Ovid. Seine Gedichte ſind meiſtens leicht faßliche poetiſche Erzählungen, welche dem Knaben von 14 Jahren ſchon verſtändlich ſind. Außerdem iſt aber Ovid beſonders dazu gecignet, daß der Schüler die Form der antiken Poeſie an ihm kennen lerne, da ſeine Verſe leicht und wohlklingend ſind. An ihm werden die Geſetze der Quantität und Metrik, und das, was man den poeetiſchen Klang nennt, erlernt. Mit der Lectüre der Ovid'ſchen Gedichte können gleichzeitig die metriſchen Uebungen beginnen, welche ſich durch das ganze Gymnaſium, vom Leichteren zum Schwereren fortſchreitend, hinziehen müſſen. Sie verbinden damit, daß ſie den Scharfſinn üben ſollen, beſonders noch die Tendenz der Bildung des Geſchmacks, da durch ſie der Schüler gezwungen iſt, an eignen Arbeiten die Geſetze der Quantität und Metrik ſich zum Bewußtſein zu bringen und ſein Ohr zu üben, den Wohlklang der Verſe herauszufinden.

Auf die Lectüre des Ovid folgt die des Virgil. Dieſer bietet ſchon mehr Schwierigkeiten in ſprachlicher und ſachlicher Hinſicht. Er iſt in ſeiner Aeneide der Nachahmer des Homer, ohne ihn jedoch zu erreichen; deſſenungeachtet kann er außer dem ſprachlichen Intereſſe ſchon wegen der Vergleichung mit Homer geleſen werden.

Auf den Virgil folgt Horaz. In ſeinen Oden findet der Schüler eine ihm neue Art der Poeſie, die lyriſche. Dieſe bietet in Form und Inbalt größere Schwie⸗ rigkeiten, als die epiſche, da der ſogenannte lyriſche Schwung den Dichter leicht zu Uebergängen hinreißt, die dem jungen Leſer das Verſtändniß der Idee des Gedichtes erſchweren; außerdem treten noch Zeitbeziehungen hinzu, die ihm oft nicht bekannt

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