Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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windung der ſprachlichen Schwierigkeiten gar viel, weil Vieles in derſelben zuſam⸗ men wirken muß. Um den Eindruck vollkommen zu machen, mußten außer der Poeſie noch andere Künſte wirken, Architectur, Plaſtik, Orcheſtik, Muſik, Mymik, und dadurch, daß ſich dies alles in des Dichters Geiſt bei den Griechen vereinigte, läßt ſich auch die Harmonie dieſer Künſte in ihrer Verbindung erklären. Hieraus iſt aber leicht erſichtlich, daß das völlige Verſtändniß einer griechiſchen Tragödie nicht in dem bloſen Verſtändniß des Textes liegen kann, ſon⸗ dern es muß manche Vorbemerkung und Erläuterung, wenn auch nur kurz, gegeben werden, damit der Jüngling ſich einen Begriff von der antiken Tragödie zu machen im Stande ſei. Es wäre daher geeignet, eine kurze Einleitung zu geben, worin das Hauptſächlichſte vom Local der Darſtellung der Tragödie, von der Zahl, von der Eintheilung, von den Tanzbewegungen, und beſonders von der Bedeutung des Chores gegeben werde, daß ferner die Muſik der Alten und ihr Verhältniß zur Rhpthmik berührt werde. Auch die Metrik, welche im Homer keine Schwierigkeiten bietet, erfordert ein größeres Studium; jedoch ſei damit nicht geſagt, daß der Schüler jeden einzelnen Versfuß und die metriſchen Compoſitionen in den Chorſtücken müſſe angeben können. Aus allem dieſem ergiebt ſich ſchon von ſelbſt die Hinweiſung auf den Unterſchied der antiken und modernen Tragödie, welche letztere der Jüngling ſchon kennt, in Bezug auf Ideen und auf die Behandlung des Stoffes und auf die Aufführung des Stückes. Zur größeren Verdeutlichung dieſer Unterſchiede, und zum beſſeren Verſtändniß der antiken Tragödie, welche geleſen wird, überhaupt möchte auch viel beitragen, wenn der Lehrer nach jedem bedeutenden Ruhepunkte der Handlung, oder nach Vollendung der Lectüre der ganzen Tragödie eine gute Ueberſetzung vortrage, damit, wenn die etwaigen Schwierigkeiten des Verſtändniſſes gehoben ſind, der Jüngling lediglich ſeine Aufmerkſamkeit auf den Inhalt und Zu⸗ ſammenhang des Stückes richten, und dieſen ganz und gar erfaſſen kann.

Bei Anwendung einer ſolchen Methode der Lectüre der griechiſchen Dichter nimmt der Jüngling, wenn er das Gymnaſium verläßt, ſchon einigermaßen ein Bild der griechiſchen Poeſie mit, ohne daß irgend eine bedeutende Seite deſſelben unbeleuchtet geblieben wäre. Neben der Kenntniß der einfachen epiſchen Poeſie des Homer hat er wenigſtens einen Vorſchmack der vollendeten Tragödie der Alten.

Wir wenden uns nun zu den römiſchen Dichtern. So wie die Griechen in Kunſt und Wiſſenſchaft überhaupt Muſter der Römer waren, ſo waren ſie es auch