Daß Deinhardt die Lectüre des Sophocles auf Gymnaſien nur vorüber⸗ gehend erwähnt, und ſie nicht zur Bedingung macht, mag wohl ſeinen Grund in einem königl. preuß. Miniſterialreſcripte haben, nach welchem die Beſchäftigung mit dem Griechiſchen auf Gymnaſien beſchränkt, und die Lectüre des Sophocles aus denſelben verbannt worden iſt. Und doch würde ſich nach dem ganzen Plane und der Anlage des Deinhardt'ſchen Werkes die Zweckmäßigkeit, ja ſelbſt Nothwendigkeit der Lectüre des Sophocles erweiſen laſſen, indem der Verfaſſer nach Angabe der Eintheilung der Dichtkunſt in epiſche, lyriſche und dramatiſche zuerſt von der epiſchen Poeſie der Griechen und von der Lectüre des Homer ſpricht, ſodann den Pindar, als zum Studium auf Gymnaſien ungeeignet, verwirft. Da ſich aber in den Drama⸗ tikern der Griechen ein lyriſches Moment vorfindet, ſo kommt durch das Leſen einer Tragödie die Kenntniß der griechiſchen Poeſie zum Abſchluß. Und warum ſollte der Schüler, deſſen Bildung doch nach dem Zwecke des Gymnaſiums eine claſſiſche ſein ſoll, eine ſolche, welche auf dem Alterthume ruht, auch nicht ein Muſter der grie⸗ chiſchen Tragödie, des Höhepunktes der antiken Poeſie, kennen lernen? Wenn auch die Lectüre des Sophocles noch manche Schwierigkeiten für Jünglinge bietet, ſo ſollte ſie dennoch getrieben werden, und zwar ſo, daß das ſprachliche Intereſſe mehr zurücktritt, wenn es nicht als Schönheit der äußeren Form ſich geltend machen muß, und daß die Sprachkenntniß blos als Mittel, nicht als Zweck angeſehen wird, dagegen aber dem antiquariſchen und äſthetiſchen Intereſſe hauptſächlich Genüge ge⸗ leiſtet wird. Nachdem der Schüler durch die Lectüre des Homer und der griechiſchen Proſaiker Uebung und Fertigkeit im Ueberſetzen erlangt hat, wird das Leſen des Sophocleiſchen Dialogs größtentheils leicht von Statten gehen; und wenn auch der Chor mehr Schwierigkeiten in Sprache und Sache darbietet, ſo wird auch eben dadurch dem Momente der Verſtandesbildung genügt. Um aber den Zweck der Ausbildung des Sinnes für das Schöne und Erhabene vollkommen zu erreichen, iſt es nicht genug mit der Lectüre einiger hundert Verſe aus einer Sophocleiſchen Tragödie, aus dem Zuſammenhang herausgeriſſen, ſondern der Jüngling muß eine ganze Tragödie leſen, aus dem Grunde, weil die Jugend vornehmlich, wie geſagt, ein Ganzes haben muß, aus deſſen Betrachtung ſie das Schöne erkennen kann. Sie faßt eher den Totaleindruck eines Kunſtwerks, als daß ſie aus der Hinweiſung auf einzelne Schönheiten deſſelben den Gewinn der äſthetiſchen Bildung ziehen kann. Freilich gehört zum völligen Verſtändniß einer antiken Tragödie außer der Ueber⸗
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