Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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finde, wie im Homer die Göttergeſchichte im Olymp, die Schadenfreude der Götter und die ſich ſelbſt anpreißende Frömmigkeit. Aber dieſer Tadel beruht lediglich auf Religionsanſichten, welche zu Platos Zeit zu fürchten waren; wir dagegen, die wir in einer ganz andern Zeit leben und die Wahrheit durch das Chriſtenthum erkennen, bezeichnen das, was Plato als das Verwerfliche der Poeſie ſeiner Zeit betrachtete, nur als ſchöne Schranke derſelben. Auf der andern Seite aber iſt in Homer die ganze Natur und Schönheit des Alterthums dargeſtellt; ſeine Geſänge liefern den vollendeten Typus der antiken Dichtkunſt. Wie daher der Dichter Homer ein Eigen⸗ thum der griechiſchen Jugend war, ſo ſoll auch unſere gebildete Jugend, deren Bildung auf dem Alterthume ruht, wenn auch nach Tauſenden von Jahren, ihn als den Vater der Dichtkunſt anerkennen, und ſeine Werke ſich zu eigen machen. Das Studium des Homer muß daher einer bedeutenden Ausdehnung auf den Gymnaſien genießen. Jeder auf die Univerſität Abgehende ſollte den ganzen Homer geleſen haben; denn ſoll er einen vollkommenen Begriff erhalten von der Vollendung der Kunſtwerke der Odyſſee und der Ilias, ſo muß er ſie auch ganz geleſen und ſtudirt haben. Die Jugend bedarf mehr noch als das gereifte Alter eines Ganzen, um an ihm die Idee der Schönheit zu erfaſſen; eben ſo wenig, wie ſie an einem unausgebauten Dome, an einer verſtümmelten Bildſäule die Geſetze des Schönen zu erkennen vermag, wird ihr durch einzelne Bruchſtücke aus den Kunſtwerken des Homer, der Odyſſee und Ilias, die Idee der Schönheit zum Bewußtſein kommen. Deinhardt, S. 237.Da der Homer das A und O der gricchiſchen Welt iſt, und dieſe in ſachlicher Hinſicht das Hauptmoment des Gymnaſialſtudiums bildet, ſo ſollte ich meinen, daß kein Schüler vom Gymnaſium entlaſſen werden dürfte, der nicht den Homer durch und durch, d. h. nach Inhalt und Sprache inne hätte und davon Rechenſchaft ablegen könnte.

Sowie die ganze Poeſie der Alten mehr den plaſtiſchen, darſtellenden, objec⸗ tiven Character in ſich trägt, ſo finden wir auch die epiſche Poeſie ſelbſt mehr ausgedehnt, und in der lyriſchen, welche Gefühle darſtellt, ein objectives Mo⸗ ment, welches uns die griechiſchen Lyriker faſt nicht mehr als Lyriker erſcheinen läßt. Der einzige größere Lyriker der Griechen, deſſen Gedichte wir beſitzen, iſt Pindar, aber dieſer bietet in Sprache und Inhalt zu viel Schwierigkeiten, als daß er eine paſſende Lectüre für das Gymnaſium ſein könnte. Ein lyriſches Moment finden wir jedoch in den Tragödien, die Chorſtücke, und deshalb entſpricht die Lectüre