Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Indem dieſer Unterſchied der antiken, romantiſchen und modernen Poeſie vor⸗ erſt dem Schüler des Gymnaſiums noch nicht zum Bewußtſein gebracht werden kann, und die völlige Einſicht deſſelben einem ſpäteren Alter vorbehalten bleibt, möchte es doch nicht ungeeignet ſein, den Zögling ſchon früher auf die Hauptein⸗ theilungen der Poeſie in anderer Hinſicht aufmerkſam zu machen. Es wird leicht ſein, ihm den Unterſchied der drei Hauptgattungen der Poeſie, der epiſchen, lyri⸗ ſchen und dramatiſchen verſtändlich zu machen, und angemeſſen, da er ja ohnehin in der antiken Poeſie den Weg vom Epos, als dem Theil der Poeſie, welcher Hand⸗ lungen darſtellt, zu der lyriſchen Poeſie, welche Gefühle ſchildert, und zur drama⸗ tiſchen, welche beides in ſich vereinigt, geführt werden muß.

Wir übergehen hier die Zeit der Anfangsgründe in den fremden Sprachen und den Gymnaſialcurſus, wo der Schüler etwa aus Chreſtomathieen einzelne poe⸗ tiſche Stücke lieſt, indem in dieſem Alter bei der Leetüre der alten Dichter, beſonders der griechiſchen, der Zweck der Bildung des Schönheitsſinnes noch ganz in den Hintergrund treten muß, und das Princip der Verſtandesbildung durch Grammatik noch lediglich Zweck ſein kann. Die Lectüre der griechiſchen Dichter beginnt mit Homer. Als epiſcher Dichter iſt er für die Jugend ohnehin ſchon verſtändlicher, da er Handlungen darſtellt; aber ſeine Einfachheit im Erzählen, ſeine Gegenſtänd⸗ lichkeit bewirken, daß die Lectüre ſeiner Gedichte ſchon frühe kann begonnen werden, wenn anders der Schüler fähig iſt, die Sprachſchwierigkeiten zu überwinden. Im Anfang wird das Intereſſe für Bildung des äſthetiſchen Sinnes noch zurücktreten, weil dem Schüler das Fremdartige des Dialectes noch zu thun giebt, jedoch bedarf es nicht allzulanger Zeit, demſelben Uebung zu verſchaffen in der Ueberſetzung der homeriſchen Geſänge, zumal da der Inhalt ſelbſt nur wenige Schwierigkeiten bietet. Dann aber muß das Studium des Homer das hauptſächlichſte unter den alten Dichtern ſein. Homer war der Vater der Dichtkunſt, wie ihn die Griechen mit Recht benannten, und aus ihm hat ſich die Blüthe der griechiſchen Dichtkunſt entwickelt. Die einzelnen Geſänge der Odyſſee und Ilias wurden von Rhapſoden geſungen, und der griechiſchen Jugend gereichte es zur Zierde, dieſelben auswendig zu wiſſen. Zwar möchte man gegen die ausgedehnte Lectüre des Homer einwenden, daß ein großer Weiſer des Alterthums, Plato, aus ſeiner Republik die Dichter überhaupt, weil ſie Nachahmer des Scheines und weit von der Wahrheit entfernt ſeien, aber beſonders Homer und Heſiod verbannen will, weil er manches Anſtößige in ihnen