Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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barte ſich der unendliche Geiſt als reine Schönheit und gab ſich in dieſer Form, als die vollkommene Einigkeit des Ideals und des Lebens, des Unendlichen und Endlichen der Anſchauung preiß. Die Dichter waren die erſten Lehrer der Religion, die Väter der Weisheit. Bei dieſer Verſchmelzung des Göttlichen und Menſchlichen konnte ſich in den Werken der Kunſt nie eine Scheidung hervorthun. Daher iſt der Character der antiken Kunſt die Vollendung der Form bis ins Aeußerſte; daher die hohe Aus⸗ bildung der Plaſtik bei den Alten, und das plaſtiſche und objective Moment in der antiken Poeſie. Aber bei aller Vollendung der Form fehlte der antiken Kunſt das Erhebende durch die Religion, und wenn auch das Göttliche in ihr war, ſo war es doch in das Endliche verſenkt. Und ſo wie das ganze Alterthum der Wahrheit noch entbehrte, welche erſt im Chriſtenthum offenbaret worden iſt, ſo auch die Poeſie der Griechen und Römer. Zwar war ein dunkles Gefühl der Wahrheit auch bei ihnen, und derſelbe Drang, welcher die Athener leitete, dem unbekannten Gotte einen Altar zu errichten, ſprach ſich auch bei den Dichtern, beſonders bei den tragi⸗ ſchen, in einer dunklen Ahnung aus, daß die Möra, ein Weſen, von ihnen nie beſchrieben, ſondern nur mit Scheu genannt, ſelbſt über die mächtigen Götter herrſche. Als ſich das Chriſtenthum verbreitete, ging das Ideal der antiken Peeſie, welche in der objectiv anſchauenden Schönheit beſtand, mit der antiken Welt zu Grunde, und ein neues Ideal entſtand. Sowie das antike Jdeal gleichſam den Geiſt verkörperte, ſo wurde jetzt in der romantiſchen Poeſie des Mittelalters der Körper vergeiſtigt, daher mußte in ihr der Geiſt einerſeits ſich verendlichen, ander⸗ ſeits ſtrebte das Endliche über ſeine Greuze, und zeigte die entarteten Nachbil⸗ dungen des Geiſtes. Daher denn die finſtere und nächtliche Geiſterwelt der Romantik; aber der Kampf dieſer finſteren Geiſterwelt mit der lichten ward verſöhnt durch die Idee der Liebe. In der romantiſchen Poeſie war aber die Idee der Schönheit noch nicht im Bewußtſein, erſt der ſeiner ſelbſt bewußte Begriff der Schönheit ſelbſt, das Wiſſen um oder die Einſicht in die Idee der Schönheit in ihrem vollen Um⸗ fange iſt der Character des modernen Ideals der Poeſie. Daher der Gegenſatz der antiken und modernen Poeſie, indem die antike Poeſie ſich äußerlich darſtellend, objectiv verhält, und die moderne innerlich anſchauend, ſubjectiv, reflectirend. Die antike Poeſie zeigt uns die Außenwelt direct, währenddem die moderne Poeſi e im Bewußtſein, wie in einem Spiegel, dieſelbe uns ſehen läßt.