Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter Zum Ehrenkranz Verdienſten jeder Art? Wer ſichert den Olymp, vereinet Götter? Des Menſchen Kraft, im Dichter offenbart.

Finden wir freilich Viele, auch unter den gebildeten Ständen, die der Dicht⸗ kunſt Stimme nicht vernehmen mögen, an denen ſie vorüber klingt, ohne das Herz zu berühren und zu erheben; hört man oft, es ſei zeitverſchwendend, die Dichter kennen zu lernen, oder unnütz, da dieſelben doch nicht der Wahrheit gemäß ſchilderten; finden wir gar ſolche, die es nicht für eine Erholung achten, ſich mit poetiſcher Lectüre zu beſchäftigen, ſondern für eine nochmalige Anſtrengung nach den Anſtrengungen des Geſchäftslebens: ſo iſt wohl leicht zu ſagen, daß kein Sinn für das Schöne ihnen inwohne, minder leicht aber, die jedesmalige Urſache dieſes Mangels des äſthetiſchen Sinnes anzugeben. Denn es iſt nicht zu läugnen, daß Manche von Natur kalt ſind für die Schönheiten der Poeſie, oder das Geſchäfts⸗ leben hat den Geſchmack an derſelben verdrängt, oder der ſchlummernde Sinn für das Schöne iſt nicht geweckt worden in dem Jugendalter, dem Zeitraum des menſchlichen Lebens, wo der Geiſt am empfänglichſten iſt für alles Schöne, Große und Erhabene, oder wenn erweckt, iſt das äſthetiſche Gefühl durch unrichtige Behand⸗ lung von dem Wohlgefallen an der Poeſie wieder abgewendet worden.

Wir kommen auf die Beantwortung der Frage, welche Dichter der alten Sprachen ſowohl als der deutſchen ausgewählt werden müſſen, und welche Methode bei der Lectüre derſelben anzuwenden ſei, damit der Sinn für das Schöne bei den Schülern gebildet werde, ſo daß er bleibend ſei für das ganze Leben. Denn der eigentliche Sinn für das Schöne iſt ja derjenige, welcher ſtets ſtrebt ſich weiter auszubilden, und nicht erdrückt wird unter dem Geſchäftsleben, ſondern ſich gerne jederzeit der Kunſt erſchließt, und aus ihr Erholung, Erhebung und Veredlung ſucht.

Den erſten Zweck, welchen die Lectüre der Dichter namentlich aus fremden Sprachen zu erreichen ſtrebt, hat dieſelbe wohl mit dem Leſen der Proſaiker gemein, nämlich die Verſtandesübung, dann aber ſoll durch dieſelbe, ebenfalls wie durch die

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