Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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indeſſen wird doch durch Anſchauung der Natur der Geſchmack oder Sinn für Schönheit gebildet; und auf Gymnaſien iſt es der Unterricht in der Naturwiſ⸗ ſenſchaft, der mit der Kenntniß der Natur auch den Zweck verbindet, das äſthe⸗ tiſche Gefühl von dieſer Seite auszubilden.Die äſthetiſche Ausbildung der Jugend wird doch wohl am ſicherſten erzielt neben der Lectüre muſtergiltiger, beſonders poetiſcher Leſeſtücke durch Anſchauung, Betrachtung, Beſchreibung und Nachbildung ſchöner und erhabener Gegenſtände der Natur und Kunſt ꝛc. Schenck im Programm des Dillenburger Pädagogiums von 1841. Wir finden aber das Schöne zweitens in der Kunſt dargeſtellt, und hier iſt es ſich ſelbſt Zweck. In der Kunſt zeigt es ſich uns auf verſchiedene Weiſe, je nachdem es in einer Kunſtgattung dargeſtellt wird, in der Plaſtik, in der Muſik, oder in der Poeſie, und bildet auf verſchiedenem Wege den Schönheitsſinn des Anſchauenden, Anhörenden und Betrachtenden. Aber die Ausbildung des äſthetiſchen Gefühles durch Plaſtik liegt noch weniger im Zwecke des Gymnaſiums, als die Betreibung der Muſik, wenn auch der Zeichnenunterricht für ſolche, die beſonderes Talent dazu beſitzen, den Sinn für das Schöne von jener Seite bilden kann, und die Muſik zur Erholung betrieben werden mag. Wie ſehr aber auch letztere beitrage zur Erweckung des feineren Sinnes, und wie ſie etwas Weſentliches ſei zur Erheiterung ſowohl als zur Erhebung des menſchlichen Geiſtes, darüber ſpricht der große engliſche Dramatiker, indem er denjenigen, der keinen Sinn für Muſik hat, folgendermaßen ſchildert: 4

Der Mann, der nicht Muſik hat in ihm ſelbſt,

Den nicht die Eintracht ſüßer Töne rührt,

Tcaucht zu Verrath, zu Räuberei und Tücken. Die Regung ſeines Sinns iſt dumpf wie Nacht, Sein Trachten düſter, wie der Erebus.

Trau keinem ſolchen! Shakespeare im Kaufmann von Venedig.

Wenn alſo die Ausbildung des Schönheitsſinnes durch Plaſtik und Muſik außer dem Zwecke des Gymnaſialunterrichts liegt, ſo bleibt für denſelben nur noch die Poeſie übrig, und die Werke dieſer Kunſtform ſind es auch, durch deren Betrachtung und Studium der Schüler des Gymnaſtums die äſthetiſche Ausbildung erlangen ſoll.

Die Poeſie zu definiren, iſt eben ſo ſchwierig, als das Schöne zu definiren. In dieſer Beziehung ſagt J. Paul:Nichts bringt die Eigenthümlichkeit der Men⸗

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