Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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finden. Da möchte wohl die Frage aufgeworfen werden, ob nicht die Uebung der Erkenntnißkraft darunter leiden müſſe, wenn die Erziehung nur die Auſmerkſamkeit auf das richte, was den Sinnen gefalle oder die Phantaſie beſchäftige. Und in der That finden wir auch häufig, daß dieſe ausſchließliche Erweckung und Ausbildung des Schönheitsſinns ſich in Schöngeiſterei verliert, welche für das ernſtere Geſchäftsleben untauglich macht. Aber dieſes gereicht nicht der äſthetiſchen Bildung im Allgemeinen, ſondern der unrichtigen Weiſe ihrer Betreibung, oder der Einräumung eines allzu⸗ großen Gewichtes derſelben zum Vorwurf. Vielmehr iſt es leicht ausführbar und ſogar erforderlich, daß beim Unterrichte die Ausbildung des äſthetiſchen Sinnes mit der intellectuellen Bildung Hand in Hand gehe. Indem die Erkenntnißkraft das Wahre erforſchen ſoll, kann der Sinn gleichzeitig auf das hingelenkt werden, was durch ſeine Formen gefällt.

Ein anderer und, wie es ſcheint, gewichtigerer Einwurf, welchen man der äſthe⸗ tiſchen Ausbildung macht, iſt der, daß unter Erweckung des äſthetiſchen Gefühls das moraliſche Schaden leide. Schon Schiller warnt vor äſthetiſchen Sitten: Sobald ſich der Menſch dem Schönheitsgefühl ausſchließlich vertraut, und den Geſchmack zum unumſchränkten Geſetzgeber ſeines Willens macht, führt die Verfeine⸗ rung unausbleiblich zum Verderbniß des reinen Herzens. Der Menſch iſt freilich oft geneigt das Aeſthetiſchſchöne mit dem Sittlichguten zu verwechſeln, und kann durch dieſe Verwechſelung vom Wege der Tugend abgeführt werden. Die Tugend zeigt ſich nicht immer als äußerlich gefällig, dagegen das Laſter oft im Ge⸗ wande des Schönen erſcheint. Auch iſt es eine beglaubigte Erfahrung, daß Verfeinerung der Sitten Entartung und Untergang der Völker herbeigeführt habe. Aber darin liegen noch keine Beweiſe, daß die Ausbildung des Schönheitsſinnes die Vernichtung des moraliſchen Gefühls zur Folge habe. Wenn Schiller vor äſtheti⸗ ſchen Sitten warnt, ſo will er damit keineswegs der äſthetiſchen Ausbildung von Seiten der moraliſchen den Krieg erklären; er behauptet nur, das ſchöne Aeußere dürfe dem häßlichen Inneren nicht zum Deckmantel dienen. Hat er doch ſelbſt eine Abhandlung über den moraliſchen Nutzen äſthetiſcher Sitten geſchrieben, in welcher es unter Anderem heißt:Ein reges und reines Gefühl für das Schöne hat auf das moraliſche Leben offenbar den glücklichſten Erfolg. Zwar kann der Geſchmack durch ſeinen Einfluß das Moraliſche nie erzeugen, denn es darf keinen andern Grund haben, als ſich ſelbſt; wohl aber kann er es begünſtigen. Der Geſchmack giebt dem