Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Die Erſcheinung des Schönen für uns iſt die eines Attributs oder einer Eigenſchaft an endlichen Dingen, und wir bezeichnen daſſelbe gewöhnlich als ein ſolches, welches uns, ohne Rückſicht auf Nutzen, gefalle. Indeſſe en reicht dieſe Defi⸗ nition deſſelben meiſtentheils nicht aus, und die vielfachen Verſuche, das Schöne wiſſenſchaftlich zu definiren, und ihre größere oder geringere Unhaltbarkeit beweiſen, daß die Definition deſſelben eben ſo ſchwierig, als ſchon oft verſucht ſei. Hier mögen nur wenige Definitionen einen Platz finden. Kant ſagt: Schön iſt, was allgemein ohne Begriff gefällt. Heinſe: Schönheit iſt unverfälſchte Erſcheinung des Weſens eines Gegenſtandes, wie er ſein ſoll. Vergl. Berliener Jahrbücher für wiſſen⸗ ſchaftliche Kritik. 1840. Nr. 24. K. O. Müller im Handbuch der Archäologie definirt das Schöne alſo: Schön nennen wir diejenigen Formen, welche die Seele auf eine ihrer Natur durchaus angemeſſene, wohlthätige, wahrhaft geſunde Weiſe zu empfinden veranlaſſen, gleichſam in Schwingungen ſetzen, die ihrer innerſten Structur gemäß ſind. J. Paul in ſeiner Aeſthetik beurtheilt mehrere Definitionen des Schö⸗ nen, jedoch giebt er ſelbſt leider keine.

Das Schöne, als Eigenſchaft von endlichen Dingen, findet ſich in der Natur zerſtreut, und tritt durch die Anſchauung als ſolches in unſer Bewußtſein, ſobald es der ſubjectiven Idee von Schönheit entſpricht, während durch die ſchöpferiſche Thätigkeit des Künſtlers die Idee des Schönen zur Realität in einem endlichen Gegenſtand geſchaffen wird. Dies iſt denn das Kunſtſchöne, welches, jemehr es der allgemeinen Idee der Schönheit entſpricht, auf deſto mehr Allgemeinheit und Nothwendigkeit Anſpruch machen kann, und in dieſer letzteren Eigenſchaft beruht die größere oder geringere Vollendung der Kunſt. In der Kunſt alſo wird erſt das Schöne Selbſtzweck*). Da aber die Kunſt die Hervorbringung des ſchönen Scheines zur Abſicht hat, und deshalb ſinnlich iſt, wie ſie meiſtentheils begriffen wird, ſo bat die äſthetiſche Ausbildung ſchon vielfach Angriffe erleiden müſſen. Dieſe Angriffe gehen von zwei Seiten aus, indem man ſagt, daß zuerſt die intellectuelle, und ſodann die moraliſche Bildung unter der äſthetiſchen Ausbildung leide.

Zuerſt könnte alſo die äſthetiſche Ausbildung auf Gefahr der intellectuellen ſtatt⸗

*) Weiße definirt die Kunſt: die Schönheit, die zu ihrer Subſtanz das geſchichtliche Selbſt⸗ bewußtſein des Geiſtes hat, aber aus der Allgemeinheit dieſes Vewußtſeins als beſonderes Daſein in äußerliche Unendlichkeit ſich ausſcheidet, iſt die Kunſt.

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