Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Menſch zu löſen hat, rein in das Sittliche oder gar Legale verflüchtigt und alles religiöſe Leben in die todte Erkenntniß des abſoluten Lebens abſorbirt.

Betrachten wir das Verhältniß des Schönen zum Wahren und Guten von practiſcher Seite, ſo finden wir ebenfalls, wie angemeſſen, ja nothwendig es ſei, den Sinn für das Schöne zu wecken und auszubilden. Das Gymnaſium iſt, wie erwähnt, die Bildungsanſtalt für die theoretiſchen Stände. Durch die Erforſchung der Wahrheit in der Wiſſenſchaft wird das Verſtandesvermögen der Zöglinge geübt und vorbereitet zum Fachſtudium auf der Univerſität. Die Gymnaſialbildung iſt die Grundlage, auf welcher die Fachbildung ruhen ſoll. Die religiöſe Ausbildung hat einen allgemeineren Zweck, ſie iſt nicht für den Studirenden als ſolchen, ſondern für ihn als Menſchen. Das Fachſtudium dient dem Jüng⸗ linge practiſch dazu, ihn zum Bürger des Staates zu machen, und ihm durch die dem Staate zu leiſtenden Dienſte ſeine Exiſtenz zu ſichern; es verhilft ihm zu irdiſchen Gütern; die religiöſe Ausbildung ſoll aber den Jüngling zur Tugend führen; aber mitten zwiſchen irdiſchen Gütern und der Tugend liegt das Schöne als Mittelſtufe, welches einmal geſchätzt und gewonnen, die bloſe Empfindung des Genuſſes hinter ſich läßt, und den Menſchen auch unter Entbehrungen zufrieden erhält, und, wenn es auch nicht unabhängig von äußeren Gütern macht, ſondern unſere Bedürfniſſe vermehrt, doch an eine Schätzung ſolcher Güter gewöhnt, die nicht nach Genießung und Entbehrung abgemeſſen werden. Niemeyer im 3. Bande ſeiner Pädagogik:Die äſthetiſche Cultur, wenn ſie weder der intellectuellen noch der moraliſchen Abbruch thun kann, iſt in der Erziehung der gebildeten Stände um ſo wichtiger, jemehr man dadurch ſeinem Zöglinge einen reineren und erwei⸗ terteren Lebensgenuß bereitet und gewiſſermaßen dafür ſorgt, daß ſein Geiſt ſpäter oder nie altere*).

*) Göthe in Meiſters Lehrjahren ſagt:Der Menſch iſt ſo geneigt, ſich mit dem Gemeinſten abzugeben, Geiſt und Sinne ſtumpfen ſich ſo leicht gegen die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei ſich auf alle Weiſe zu erhalten ſuchen muß. Denn einen ſolchen Genuß kann Niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit, etwas Gutes zu genießen, iſt Urſache, daß viele Menſchen ſchon am Albernen und Abgeſchmackten, wenn es nur neu iſt, Vergnügen finden. Man ſollte alle Tage wenigſtens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht leſen, ein treffliches Gemälde ſehen, und wenn es möglich iſt, einige vernünftige Worte ſprechen.