Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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4.

die Idee der Wahrheit ſich fortbeſtimmen laſſen zu den Ideen der Schönheit und Gottheit, ſetzen wir ein Höberes, welches nicht erkannt oder gewußt werden kann im Sinne des vollkommenen Innchabens oder Beſitzes, ſondern zu dem wir uns als Anſchauende oder Glaubende verhalten. Beſteht dies aber als ſolches, und iſt es Aufgabe des Menſchengeiſtes, nicht allein jene Momente der Ideen, die ſich von der der Wahrbeit bis zum abſoluten Geiſt erheben, zu erkennen, ſondern iſt es auch das Ziel des endlichen ſich ausbildenden Geiſtes, ſeine Idce zu erreichen: ſo darf er nicht bei der Erkenntniß ſtehen bleiben, auch nicht die Exiſtenz alles Seienden formell und als ſich ſtets aufhebende Momente ſeines ſubjectiven Geiſtes bis zum abſoluten Wiſſen hin als das Ende ſeiner Ausbildung gelten laſſen, er muß viel⸗ mehr ſeinen Geiſt an dem außer ihm ſtehenden Höheren, der Schönheit und Gottheit beranbilden, d. h. die in allen Momenten von der Wahrheit durch⸗ drungenen Objecte ſich ſubjectiv aneignen, die der Schönheit durch Ausbildung der ihm inwohnenden Phantaſie(gewöhnlich in dieſer Beziehung Geſchmack genannt), die der Gottheit bei der Unterordnung des endlichen Geiſtes, zugleich durch das Anſtreben der urbildlichen, vollendeten Idee. Das eine würde die äſthe⸗ tiſche, das andere die religiöſe Ausbildung ſein, und die Nothwendigkeit beider liegt in dem nothwendig durch die Idee ſelbſt gegebenen Fortſchritte von der unterſten Stufe der Erkenntniß durch das Moment der Schönbeit hindurch zur abſoluten perſönlichen Freiheit. Keines dieſer auszubildenden Momente darf übergangen werden, wenn nicht eine Lücke in der Ausbildung des Geiſtes entſtehen ſoll. So ungeeignet es ſein würde, den Geiſt ausbilden zu wollen zur Schönheit und zur vollkommenen Religion ohne Erkenntniß, ebenſo ungeeignet iſt es, wenn auch weniger einleuchtend, bei der Bildung das Mittel⸗ oder Endglied übergehen zu wollen. Es ſollte nicht überſehen werden, wie die äſthetiſche Ausbildung eine ſichere Brücke bildet von der abſtracten, intellectuellen zur religiöſen Bildung. Gerade das Ausſchließen der äſthetiſchen Bildung bringt den Geiſt in Zwieſpalt mit ſich ſelber, indem es entweder die Erkenntniß und das Verhältniß zu Gott nackt gegenüber ſtehen läßt und ſie zu einem gewaltſamen Baue einer Brücke zwingt, die der auf alle Einſicht verzichtende Glaube iſt, oder indem es die religiöſe Aufgabe, die der

mittelung beider iſt, ſowie überhaupt die höchſte vermittelnde und aufnehmende Einheit alles Seienden.