Aufsatz 
Über das ästhetisch Bildende der poetischen Lektüre auf Gymnasien / [Conrector Spieß]
Entstehung
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Zweck aller wiſſenſchaftlihen Bemühungen iſt. Die Idee der Wahrheit ü die Seele aller Wiſſenſchaft. Die Wahrheit aber in ihrer unendlichen Fülle findet ſich nicht im Alterthum, ſondern hat ſich in Jeſu Chriſto der Welt offenbaret und offenbaret ſich fortwährend in ihm, und in ihm muß jeder ſich die Wahrheit aneignen. Daher iſt der letzte und höchſte Zweck des Gymnaſiums, daß der Geiſt des chriſtlichen Glaubens das ganze Gymnaſium und alle ſeine Einrichtungen durchdringe.

So iſt kurz die Schlußreihe, in welcher Deinhardt Zweck und Ziel des Gym⸗ naſialunterrichts darſtellt. Wir finden alſo im Zweck des Gymnaſiums begriffen die Gewinnung des logiſchen Elements, die Ausbildung des Verſtandes; ſodann die Erweckung des religiöſen und moraliſchen Gefühls; der Gym⸗ naſialunterricht muß das Wahre und das Gute erſtreben. Nun fragt ſich aber, ob es nicht auch in dem Zwecke des Unterrichts auf Gymnaſien liege, das äſtheti⸗ ſche Gefühl oder den Sinn für das Schöne auszubilden? Deinhardt ſpricht von der Bildung des Geſchmacks nur wenig, indem er weiter unten ſagt, daß als nothwendiges Förderungsmittel der deutſchen Arbeiten und zur Bildung des Geſchmacks und des deutſchen Styls die Lectüre der deutſchen Claſſiker zu be⸗ trachten ſei.

Wenn die Frage ſoll beantwortet werden, ob auch der Sinn für das Schöne auf Gymnaſien durch die poetiſche Lectüre müſſe ausgebildet werden, ſo ſcheint es zuerſt nothwendig, wenn auch nur kurz die Stellung der Idee der Schönheit zu der der Wahrheit und der Güte(Gottheit) zu bezeichnen. Wir dürfen hier nicht nach Hegel'ſchen Grundſätzen in dem abſoluten Wiſſen das höchſte Ziel des menſch⸗ lichen Geiſtes finden, und daher auch nicht die Ideen der Schönheit und Gottheit, welche dort Kunſt und Religion heißen, als geſchichtliche und pſychologiſche Erſcheinung im Geiſte des Menſchen anſehen, ſondern indem wir mit Ch. H. Weiße*) 2 Weiße's Aeſthetik, Einleitung§. 3: In der Ordnung, in welcher gemäß des Geſammt⸗

ſoſtems der Philoſophie, die einzelnen philoſophiſchen Wiſſenſchaften und deren Gegenſtände, welche die Ideen ſind, auf einander folgen, ſteht die Idee der Schönheit in der Mitte zwiſchen zwei andern Ideen, der Idee der Wahrheit und der der Gottheit. Mit beiden gemeinſchaftlich macht ſie den Begriff und die Idee des abſoluten Geiſtes aus. Innerhalb des abſoluten Geiſtes aber hat die Schönheit zu ihrer Vorausſetzung die Wahrheit, und bildet den dialectiſchen Gegenſatz zu dieſer; ſie ſelbſt aber geht mit der Wahrheit zugleich in die Idee der Gottheit ein, welche die höhere Einheit und Ver⸗ 1*