Aufsatz 
Eigil's Leben des hl. Sturmius : Übersetzung und Anmerkungen ; Zweite Abteilung
Entstehung
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Erlaubniß gegeben würde, zu ihnen zurückzukehren. Als ſie nun dieſes ſowohl ſelbſt längere Zeit gethan hatten als auch in allen Kirchen des öſtlichen Reiches und insbeſondere in allen Klöſtern der Umgegend von den Dienern und Dienerinnen Gottes unabläſſige Gebete für Sturmi's Rückkehr an Gott gerichtet worden waren; ſiehe! da erhörte Gott, der Tröſter der Demüthigen, die Gebete der Flehenden; und weil Er, die Gebete der Gläubigen erhörend, beſchloſſen hatte, daß jenes Begehren geſtellt werden ſollte; ſo erweckte Er das Herz des Königes Pippin, daß er des frommen Sturmi ſich zu erinnern begann und den Befehl gab, ihn aus dem Verbannungsorte, wo er verweilte, ehrenvoll zu ſeinem Palaſte zu geleiten. Sturmi wurde nun auch ſogleich zum Palaſte geführt, und als er hier in der Capelle's des Königes unter frommen Gebeten mehrere Tage verweilt und gewartet hatte, was ihm der König befehlen würde; da ereignete es ſich eines Tages, daß der König auf die Jagd gehen wollte und, wie es ſeine Gewohnheit war, bei Anbruche des Tages in die Capelle ſich begab, um ſein Gebet zu verrichten. Die übrigen Diener Gottes hatten ſich nach ihren Frühgebeten wieder zur Ruhe niedergelegt; Sturmi allein wachte, und da er bemerkte, daß der König ſich näherte, ſo öffnete er ihm die Thüren der Kirche und trug ihm ein helles Licht zu der Stelle voran, wo er ſein Gebet zu verrichten pflegte. Nachdem nun der König vor dem heiligen Altare zu Gott dem Herrn ein demüthiges Gebet geſprochen hatte, erhob er ſich und ſprach, indem er Sturmi freundlich anblickte: Die Fügung Gottes iſt es in der That, daß wir eben hier zuſammen gekommen ſind! Kann ich mich doch wahrlich nicht beſinnen, was es geweſen iſt, weshalb deine Mönche dich bei mir angeklagt haben und ich weiß nicht, warum ich auf dich erzürnt war. Sturmi aber erwiederte in ruhiger Faſſung:Wenn ich auch von Sünden nicht frei bin, ſo habe ich mich doch gegen Dich, o König, niemals vergangen. Darauf entgegnete der König:Magſt du nun in Gedanken oder in Werken dich zu irgend einer Zeit gegen mich vergeſſen haben, Gott möge dir Alles verzeihen, wie auch ich dir von ganzem Herzen vergebe, und von heute an ſoll dir für die ganze Zeit meines Lebens meine Gnade und Freundſchaft gewiß ſein. Hierauf zog der König mit eigener Hand aus ſeinem Mantel einen Faden, warf ihn zur Erde und ſprach:Siehe! zum Zeugniſſe meiner vollſtändigen Verzeihung werfe ich dieſen Faden aus meinem Mantel zur Erde, damit Allen offenbar ſei, daß unſere frühere Feindſchaft von nun an völlig aufgehört hat. Nachdem ſo Friede und Freundſchaft unter ihnen hergeſtellt und befeſtiget war, verließ der König die Capelle und begab ſich zur Jagd, wie er ſich vorgenommen.

Als nun kurze Zeit nachher Prezzold und die übrigen Brüder des Kloſters Fulda erfuhren, daß ihr geliebter Lehrer Sturmi wieder zu Gnade und Freundſchaft bei ſeinem königlichen Herrn aufgenommen ſei, faßten ſie den Entſchluß, zum Palaſte zu gehen und bei dem Könige Fürbitte für ihren Lehrer einzulegen. Sie ſandten auch zum Palaſte und richteten an den König in Demuth die Bitte, daß er ihnen ihren Abt zurückgeben möge. Der König nahm, wie denn Alles, was nach dem göttlichen Willen geſchehen ſoll, leicht und ohne Mühe von Statten geht, die Bitten der Brüder freundlich auf und verſprach ihnen, daß er den ehrwürdigen Abt Sturmi zu ihnen ſenden werde; was nach unſerem feſten Glauben durch die vielen Gebete der Diener und Dienerinnen Gottes bewirkt worden iſt. Nicht lange nachher ließ der König den Sturmi zu ſich rufen, übertrug ihm das Kloſter Fulda, welchem er früher vorgeſtanden hatte, zur Verwaltung und befahl ihm, von aller Bothmäßigkeit des Biſchofes Lullus befreit und mit allen Ehren zu dem Kloſter Fulda ſich zu begeben und mit ſeinem Privilegium, welches ſchon vor langer Zeit der ſeelige Papſt Zacharias, der oberſte Biſchof des apoſtoliſchen Sitzes, dem heiligen Bonifacius übergab, das Kloſter regieren ſollte, welches Privilegium noch bis zum heutigen Tage die Brüder im Kloſter aufbewahren, und befahl ihm zugleich, daß er die Foͤrderung ſeiner Angelegenheiten und den Schutz des Kloſters bei keinem Anderen als