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Allen verehrt und geliebt, an dieſem ſeinem Verbannungsorte. Als die Kunde von Sturmi's Verbannung zum Kloſter Fulda gelangte und die Brüder erfuhren, auf welche Weiſe ihr geliebter Abt ihnen entriſſen worden ſei, geriethen ſie in die größte Beſtürzung und über alle Beſchreibung war ihre Betrübniß. Eine große Verwirrung herrſchte damals in dem Hauſe Gottes; einige der Brüder wollten das Kloſter verlaſſen, andere zum Palaſte des Königes aufbrechen, andere ſuchten durch Faſten und Gebete den allmächtigen Gott zu erflehen, daß er ihnen nach ſeiner Barmherzigkeit beiſtehen möge. Aller Ohren durchdrang damals und alle Zungen beſchäftigte die erſchütternde Kunde, daß der gottſeelige Abt Sturmi auf Betreiben des Biſchofes Lullus gewaltſam aus dem Kloſter Fulda entfernt worden ſei; Alle wurden hierüber von gleichem Unwillen erfüllt und es gab in dieſer ganzen öſtlichen Gegend keine einzige Kirche, welche ſeine Verbannung nicht betrauert hätte.
Inzwiſchen wußte es Lullus, durch Spendung ungerechter Geſchenke, bei dem Könige Pippin zu erreichen, daß das Kloſter Fulda in ſeine Bothmäßigkeit gelangte, und ſobald ihm die Gewalt über dasſelbe übergeben worden war, ſetzte er daſelbſt einen Abt ein, von welchem ſich erwarten ließ, daß er ihm in allen Stücken ſich willfährig zeigen würde, und zwar einen von ſeinen Prieſtern, welcher Marcus hieß; aber weil die Brüder wegen ihrer Anhänglichkeit an ihren früheren Abt ihre Gemüther von ihm abwandten, ſo betrachte⸗ ten ſie ihn gleichſam als einen Fremdling und ihre beiderſeitigen Geſinnungen paßten nicht zu einander. Bei dieſer Verſchiedenheit der Geſinnungen blieben, wenn ſie auch körperlich beiſammen wohnten, doch ihre Seelen in beſtändiger Trennung. Da ſie nun in ſolcher Zwietracht mit einander lebten und die Brüder un⸗ abläſſig darüber nachſannen, auf welche Weiſe ſie durch die Gnade Gottes ihren Abt Sturmi wiedererlangen könnten, ſo waren ſie endlich nicht mehr im Stande, ihre Abneigung gegen jenen Marcus, welchen ſie gegen ihren Willen, auf Veranſtaltung des Lullus, als Abt über ſich bekommen hatten, länger zu ertragen. Sie faßten daher einen heilſamen Entſchluß und vertrieben den ihnen aufgedrungenen Abt, indem ſie zugleich feſt und einſtimmig erklärten, daß ſie denſelben fernerhin durchaus nicht mehr als Abt über ſich dulden würden. Nach der Vertreibung des Marcus wollten alle Brüder das Kloſter verlaſſen und zum Palaſte des Königes Pippin ſich begeben, um von demſelben ihren Abt Sturmi zurückzuverlangen. Als dieſes Lullus erfuhr, ſuchte er ſie durch freundliches Zureden zu beſänftigen, indem er ihnen anbot, daß ihnen geſtattet ſein ſollte, aus dem Kreiſe der Brüder ihres eigenen Kloſters ſich ſelbſt einen Abt, wie er ihnen gefiele, ein⸗ zuſetzen. Dieſes Anerbieten fand allgemeinen Beifall und die Brüder wählten nun aus ihrer Mitte einen tüchtigen, mit allen Vorzügen reich geſchmückten Bruder, welcher Prezzold hieß, einen wahren Diener Gottes, den der gottſeelige Sturmi von Kindheit auf unterrichtet und ſehr geliebt hatte, zu ihrem Abte und ſetzten ihn als ſolchen ein, jedoch lediglich zu dem Zwecke, daß ſie mit ihm und er in gleicher Weiſe mit ihnen täglich ſich damit beſchäftigen ſollte, wie ſie mit dem Beiſtande des heiligen Märtyrers Bonifacius und mit der Gnade des allmächtigen Gottes dahin gelangen könnten, ihren früheren Lehrer Sturmi von dem Könige Pippin wiederzuverlangen. Prezzold aber ſtand dem Kloſter Fulda ziemlich lange vor, wußte Liebe und Eintracht unter den Brüdern zu erhalten und war zugleich mit ihnen Tag und Nacht unabläſſig darauf bedacht, wie ſie mit des Heilandes gnädiger Hilfe und mit Genehmigung des Königes Pippin ihren Lehrer und Abt Sturmi zurückrufen könnten.
Während nun Prezzold in der Tiefe ſeines Herzens ſeines Vaters und Lehrers Sturmi gedachte und er ſowohl wie die heiligen Brüder durch die Abweſenheit desſelben von ſchmerzlicher Trauer erfüllt waren, flehten ſie in unaufhörlichen Gebeten um den Beiſtand des allmächtigen Gottes, daß Er, dem nichts un⸗ möglich iſt, vermöge Seiner unüberwindlichen Macht es gnädig herbeiführen möge, daß ihrem Lehrer die


