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getreu und ausführlich die Erſcheinung, welche er gehabt hatte. Da wurden Alle von gewaltigem Schrecken ergriffen und wagten es nicht länger, der Wegführung des heiligen Märtyrers ſich zu widerſetzen. Lul aber, der Biſchof von Mainz, wollte der Enthüllung des heiligen Märtyrers durchaus nicht eher Glauben ſchenken, als bis Derjenige, welcher die Erſcheinung gehabt, ſeine Hand auf den heiligen Altar gelegt und das, was er geſehen, mit einem Eide bekräftiget hatte. Nun aber wurde der Leichnam des heiligen Mär⸗ tyrers, nach Gottes mächtiger Fügung, deſſen Willen ſich Niemand widerſetzen darf, mit der größten Feier⸗ lichkeit erhoben, unter Anſtimmung eines geiſtlichen Liedes an den Rhein gebracht und zu Schiffe bis nach Hochheim, einer am Ufer des Mainfluſſes gelegenen Meierei, geführt, von wo nach wenigen Tagen und zwar am dreißigſten Tage“* nach dem Märtyrertode des Heiligen der Leichnam des Prieſters Gottes im Kloſter Fulda anlangte und in einem neuen Grabe beigeſetzt wurde. Am folgenden Tage trat der Biſchof Lullus mit ſeinen Geiſtlichen und der Schaar ſeiner übrigen Begleiter die Rückreiſe nach Mainz an. Der ehrwürdige Abt Sturmi und ſeine Brüder brachten nun dem Heilande ihre Dankgebete dar, daß ſie gewür— digt worden ſeien, einen ſo mächtigen Beſchützer wie den heiligen Märtyrer Gottes Bonifacius bei ſich zu behalten. Nach der Ankunft des heiligen Märtyrers begann nun der heilige und von Gott auserkorne Ort zu wachſen und gelangte bei Allen zu Ruhm und Anſehen; das Kloſter nahm zu, da viele Vornehme ſich gleichſam um die Wette beeilten, ſich und ihr ganzes Eigenthum dort dem Herrn zum Geſchenke zu weihen. So vermehrte ſich von Tage zu Tage die heilige Zahl der Mönche; ¹s immer mehr wurden ſie in ihrem Gottvertrauen beſtärkt und mit unermüdlicher und unabläfſiger Ausdauer verharrten die dem Herrn dort dienenden Brüder in der ſtrengen Zucht ihres heiligen Lebenswandels. Welche große Wunder aber damals dort geſchahen und noch heute täglich dort geſchehen, will ich erfahrneren Berichterſtattern aufzuzeichnen überlaſſen.
Sturmi aber, den im Kloſter Alle in gleichem Grade liebten wie ihn draußen die Völker bewunderten, verwaltete ſein heiliges Amt mit dem größten Eifer und indem er Alles, was er durch Worte lehrte, vorher immer durch Thaten zeigte, war er ſtets Allen ein heilſames Vorbild. 1 Dem Lullus allein mißfiel der gute Ruf, deſſen er ſich erfreute, und aus Neid handelte ihm dieſer immer entgegen.““ Da nun Sturmi allenthalben das Wort des Herrn unabläſſig verkündete und Alle ihm eifrig zuhörten, begann der neidiſche Widerſacher des Menſchengeſchlechtes, der ein ſo heilſames Wirken für das chriſtliche Volk nicht ertragen konnte, den Samen der Zwietracht unter den Brüdern auszuſtreuen und reizte die Gemüther dreier falſch⸗ geſinnter Brüder zu dem ſchwarzen Plane, ein Truggewebe falſcher Anſchuldigungen zu ſpinnen und den Diener Gottes Sturmi, der gegen Alle treu und aufrichtig geſinnt war, bei dem Könige Pippin anzuklagen. Nachdem ſie nun, durch ſolche Einflüſterungen des Teufels verführt, ihren böſen Anſchlag gefaßt hatten, begaben ſie ſich im Vertrauen, daß ihr Verfahren den Beifall des Biſchofes Lullus finden werde, zum Könige und beſchuldigten den gottſeligen Mann, daß er in feindlicher Geſinnung gegen den König irgend ein Ver— brechen, ich weiß nicht welches, begangen habe. Als nun der Mann Goöttes Sturmi an den Hof vorgeladen wurde, ertrug er mit frommer Faſſung die Falſchheit ſeiner Feinde und verſchmähete es, ſich gegen ihre An⸗ ſchuldigungen weitläufig zu verantworten, ſondern ſprach nur:„Siehe! dort oben in der Höhe iſt mein Vertrauter— Gott der Herr iſt mein Beiſtand und darum bin ich muthig und gefaßt“l ¹s. Die Nichts⸗ würdigen erreichten aber damals ihre Abſicht und der König Pippin befahl, den frommen Mann zu ergreifen und ihn mit einigen wenigen ſeiner Prieſter in das große Kloſter, welches Jumedica(Jumièges) heißt, in die Verbannung abzuführen. Hier wurde er von dem Abte, welcher damals dieſem Kloſter vorſtand, und von allen Brüdern freundlich und mit großen Ehren empfangen und zwei Jahre hindurch lebte er, von


