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ſein Wille iſt, ſeinen Dienern entdecken. Hoͤre daher nicht auf, ihn zu ſuchen und halte feſt an der Ueber⸗ zeugung, daß du ihn ohne Zweifel finden werdeſt.“ Nachdem er durch ſolche Worte ſeinen Eremiten ermuthig: und ihn in ſeiner Liebe zum gottſeligen Leben der Mönche beſtärkt hatte, entließ er ihn wieder in ſeine Ein⸗ ſamkeit. Dieſer kehrte zu ſeinen Brüdern nach Hersfeld zurück, meldete ihnen die freundlichen Grüße des Biſchofes und theilte ihnen mit, was ihm dieſer geboten und verheißen. Nur kurze Zeit verweilte er bei ihnen und, nachdem er von ſeiner Ermüdung ſich erholt hatte, ſattelte er ſeinen Eſel und belud ihn mit den nöthigen Lebensmitteln, beſtieg dann das Thier und zog nun ganz allein in die Einöde, ſeine Reiſe dem Heilande empfehlend, welcher iſt der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Der eifrige Forſcher unterſuchte überall mit ſcharfem Blicke die Gegenden, die Berge ſowohl als die Thäler, die Quellen, Bäche und Flüſſe. Pſalmen ertönten von ſeinen Lippen; mit gen Himmel erhobenen Blicken flehte er unter Seufzen zu Gott, und nur da, wo ihn die Nacht zu verweilen zwang, gönnte er ſich Ruhe. Wo er übernachtete, da fällte er mit der Axt, welche er bei ſich führte, Holz und umzäunte rings ſeinen Eſel, damit derſelbe nicht von den wilden Thieren, deren es eine Menge in jenen Gegenden gab, zerriſſen würde; er ſelbſt bezeichnete ſeine Stirne im Namen Gottes mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und überließ ſich ſorglos dem Schlummer. So ſchritt der heilige Mann, mit den Waffen des Geiſtes aus⸗ gerüſtet, mit dem Panzer der Gerechtigkeit ſeinen ganzen Körper umhüllend, mit dem Schilde des Glaubens ſeine Bruſt beſchützend, mit dem Helme des Heiles ſein Haupt bedeckend, mit dem Schwerte des göttlichen Wortes umgürtet, freudigen Muthes vorwärts zum Kampfe wider den Böſen.
Als er ſo dahinzog, gelangte er eines Tages auf die Straße, welche die Handelsleute, die von Thüringen nach Mainz ziehen, benutzen, und gerade an der Stelle, wo dieſe Straße über den Fluß Fulda geht, traf er eine große Menge Slaven, welche in dem Fluſſe badeten. A* Bei dem Anblicke der nackten Körper ſcheute das Thier, auf welchem der Heilige ſaß, und ihm ſelbſt erregte der Schmutz der Barbaren Abſcheu. Nach Heidenart verhöhnten ſie den Diener Gottes und zeigten ſogar das Verlangen, ihn zu ſchädigen, aber Gott bewirkte, daß ſie ihn ziehen ließen, ohne ihm Leides zuzufügen. Einer aus dem Haufen, welcher der Dol⸗ metſcher desſelben war, fragte den einſamen Pilger, wohin er wolle?„In den oberen Theil der Wildniß“, antwortete Sturmi.
Weiter zog er nun durch die ungeheure Einöde, ganz allein, und nichts zeigte ſich ſeinen Blicken als wilde Thiere, deren es dort eine Menge gab, Schwärme von Vögeln, ungeheure Bäume und öde Flächen. Am vierten Tage ging er über den Ort hinaus, wo ſpäter das Kloſter erbaut wurde, und gelangte weiter oben an die Stelle, wo das Flüßchen Gyſilaha(Gieſel) ſich in die Fulda ergießt, ging dann noch etwas weiter aufwärts und kam nach Untergang der Sonne an den Weg, welcher den alten Namen Ortesſveca (Ortsweg) führte. Hier war er eben damit beſchäftigt, ſich und ſein Thier in gewohnter Weiſe gegen die wilden Thiere zu verſchanzen, als er in der Ferne ein Geräuſch im Waſſer hörte. Er wußte nicht, ob es von einem wilden Thiere oder von einem Menſchen herrührte. Schweigend ſtand er da und mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit horchte er hin. Da vernahm er nochmals das Geräuſch im Waſſer. Rufen wollte der Mann Gottes nicht; daher ſchlug er mit der Axt gegen einen hohlen Baum und ſiehe! wie er vermuthet hatte, daß das Geräuſch wol von einem Menſchen herrühren möge, ſo kam auch wirklich ein Mann herbei, welcher ihm zurief und zu ihm heraneilte. Beide begrüßten ſich und auf Sturmi's an den Fremden gerichtete Frage, woher er komme, gab dieſer zur Antwort, er komme aus der Wedereiba(Wetterau) und führe das Pferd ſeines Herrn, des Orcis, an der Hand. Beide unterhielten ſich nun mit einander und nahmen gemeinſam ihr Nachtlager. Der Fremde beſaß in der Einöde eine ungemeine Ortskenntniß, und als ihm der Mann


