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sehr lange Zeit mit dem deutschen Reiehe vereinigt blieb.“) Schon im Jahre 875 starb auch Lo- thar's ältester Sohn, der Raiser Ludwig II, und mit ihm war der lotharische Stamm erloschen.— War nun auch das durch den Vertrag zu Verdun in's Leben gerufene Reich Lothar's nur eine ephe- mere Schöpfung, so war es doch für die Geschichte nicht ohne Bedeutung; denn es musste mit sei- ner gemischten Bevölkerung gleichsam eine Scheidewand bilden zwischen den germanischen und ro- manischen Völkern, mithin die nationale Absonderung und freie Entwickelung derselben wesentlich ſfördern helfen. Man kann dieses vorübergehende Reich, im Gegensatze zu dem westfränkischen Reiche Rarl's und dem ostfränkischen oder deutschen Reiche Ludwig's, am passendsten mit dem Namen des mittelfränkischen bezeichnen; in der damaligen Zeit scheint es keinen Gesammt- namen gehabt zu haben und blos der nördliche Theil das Reich Lothar's(Lotharii regnum) ge- nannt worden zu sein, während man den südlichen fortwährend mit dem Namen Durgund bezeieh- nete. Aus jener Benennung entstand der Name Lothringen, weleher einem Theile jenes Landes bis
auf den heutigen Tag geblieben ist. ²) 1
Eine in mehrfacher Hinsicht schwierige Stellung war dem Rönige KRarl zu Theil geworden. Die Länder, aus welehen sein Reich zusammengesetzt wurde, hatten am meisten unter der Geiſsel des Rrieges gelitten; sie wurden aueh am meisten heimgesucht von den Verheerungszügen der Norman- nen, welche sich schon im Anfange des folgenden Jahrhunderts(912) in dem von ihnen benannten Lande einen bleibenden Wohnsitz erkämpften; der Brittonenherzog Nomenog behanptete fortwährend seine Unabhängigkeit; der unermüdliche Pippin konnte erst nach langen, harten Rämpfen bezwungen werden und Wilhelm, der Sohn des Herzogs Bernhard von Septimanien, rief, um die IHinriebtung sei- nes Vaters ³) zu rächen, die Araber herhei, welche Barcellona und die spanische Mark eroberten und auch die Länder jenseit der Pyrenäen mit verhecrenden Raubzügen heimsuchten. Ueberdies steigerte sich immer mehr der übermüthige Trotz der Vasallen, welchen Rönig Karl so wenig ein- zudämmen verstand, dass er sein königliches Anschen fast ganz aufopfern und dem übermächtigen westfränkischen Adel sogar das Recht einräumen musste, sich ihm, wenn er etwas Ungerechtes ver- lange, mit bewaſfneter IHand zu widersetzeu.— Sein Reich umfasste übrigens, namentlich in dem Lande südlich von der Loire, eine fast ganz romanische Bevölkerung und nur in den Gebicten nörd- lich von jenem Flausse, in dem alten Neustrien, war das germanische Element dem romanischen noch nicht völlig erlegen. In den Sechriften jener Zeit heifst Rarl Rönig von Gallien(rex Galliæ)
1) Hincm. Rem. Anu. 870 Pertz I, 488 und III, 517: in Elisatia comitatus duos(Nordgau und Sundgau). Auch bei dieser Theilung wurde im Allgemeinen die Nationalität berücksichtigt, sodass die Völker romanischer Zunge zu Karl's Reiche, die Völker deutscher Zunge zu Ludwig's Reiche geschlagen wurden.
2) Bei vielen neueren Schriftstellern(auch bei Müller III, 165), namentlich in vielen historischen Lehrbüchern habe ich die Angabe gefunden, dass der Name Lotharingen(Lotharii reguum, Lotharia, Lotharingia), nicht von dem Kaiser Lothar, sondern von dessen gleichnamigem Sohne herzuleiten sei. Allein schon Regino a. 842 Pertz I, 568 sagt von dem Kaiser Lothar: regnum sortitus est, quod hactenus ex eius vocabulo Hlotharii nuncupatur und a. 855 Pertz I, 569 sagt er, dass Lothar das von ihm bpenannte Reich seinem gleichnamigen Sohne verliehen habe: aequivoco vero, id est Hlothario, regnum quod ex suo nomiue vocatur, concessit. Auch sagt Otto Frising. Chron. V, 35 bei Erwähnung des Vertrages von Verdun: Lothario vero media pars, id est Belgica Gallia, quae ex eius nomine Lotharingia usque hodie vocatur, cum Romano imperio sorte devenit. Jene Angabe wird also wol dahin zu berichtigen sein: Der Name Lotharingien oder Lothringen rührt vom Kaiser Lothar her; man bezeichnete wahrscheinlich zu seiner Zeit mit diesem Namen vorzugsweise den nördlichen Theil des mittelfränkischen Reiches, während für den üdlichen der Name Burgund gebräuchlich blieb. Dass Lothar's Sohn, der im J. 855 jenen nördlichen Theil erhielt, während der südliche seinem jüngeren Bruder Karl zufiel, ebenfalls Lothar hiefs, trug
aber ohne Zweifel dazu bei, jene Benennung, welche sich ohne diesen Umstand vielleicht schon mit dem Tode Kaiser Lothar's verloren haben würde, auch für die Folge jenem Landestheile zu erhalten.— 3) S. S. 49 Anm, 4.


