Aufsatz 
Der Bruderkrieg der Söhne Ludwig's des Frommen und der Vertrag zu Verdun / nach den Quellen dargestellt von Karl Schwartz
Entstehung
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hoben. Daher ist der Vertrag zu Verdun von der gröfsten welthistorischen Bedeutung; er ist als das wichtigste Eatwickelungsmoment der dentschen und romanischen Nationalität und als die Grund- lage einer neuen Staatenbildung im europäischen Abendlande zu betrachten.

In welchem Verhältnisse die drei karolingischen Theilreiche, deren politische Selbstständigkeit durch den Vertrag zu Verdun anerkannt worden war, fernerhin zu einander stehen sollten, darüber ſindet sich bei keinem Schriftsteller eine Erwähnung. Eine gewisse Einheit derselben wurde aller- dings, trotz der politischen Absonderung, noch immer anerkannt; auch plieb der Name eines frän- kischen Reiches, da das von dem Volke der Franken eingenommene Gebiet auf alle drei Reiche ver- theilt war, vorläuſig noch bestehen; aber wir sehen jene Einheit eigentlich nur noch im Erbrechte in's Leben treten und an eine dauernde Wiedervereinigung war, wenn dieselbe auch einmal auf kurze Zeit durch zufällige Ereignisse zu Stande gebracht wurde,) um so weniger zu denken, als die Völker einer solchen stets eifrig widerstrebten und die Schwäche der späteren Rarolinger uicht geeignet war, diesem Streben entgegenzuwirken. Durch die Raiserwürde aber konnte die Einheit des fränkischen Reiches nicht mehr vermittelt werden; denn gerade das war ja der wichtigste Sieges- preis, den Ludwig und Rarl in dem Bruderkriege errangen, dass Lothar's Ansprüche auf die kaiser- liche Macht und die Oberherrschaft über seine Brüder niedergekämpft waren. Zwar behielt Lothar auch für die Folge den kaiserlichen Namen hei; allein derselbe musste bei den Verhältnissen der Zeit und der Persönlichkeit dessen, der ihn führte, zu einem blosen Phantom herabsinken und we- der Lothar noch seine nächsten Nachfolger waren im Staude, demselben wieder Einflass und Bedeu- tung zu verschaffen. ²)

Ohne Zweifel war Lothar'n, was räumliche Ausdehnung und Volkszahl betrifft, das gröfste und ansehnlichste unter den drei Reichen zu Theil geworden; allein die Zusammensetzung desselben war eine unnatürliche und es musste daher den Reim der Vernichtung schon in sich selbst tragen. Da das starke Band der Nationalität die Bevölkerung nicht zusammenhielt, so konnte es nicht feh- len, dass die Bestandtheile derselben sich entweder den deutschen Völkern im Osten oder den ro- manischen im Westen zuwandten und der Untergang des Reiches würde auf die Dauer uuvermeid- lich gewesen sein, wäre er auch nicht dureh das frühe Aussterhen des lotharischen Stammes schon in der nächsten Zukunft herbeigeführt worden. Schon im Jahre 368 starb Raiser Lothar's zweiter Sohn Lothar II, dem sein jüngerer Bruder Rarl schon 365 im Tode vorangegangen war und im Jahre 870 theilten Ludwig der Deutsche und sein Bruder Rarl die von ihren Reichen eingeschlos- seneu Gebiete Lotbar's. Ludwig erwarb damals auch das Elsass wieder, welehes Land nun auf

1) Unter Ludwig's des Deutschen jüngstem Sohne, Karl dem Dicken, welcher von 885 887 das fräukische Gesammtreich, mit Ausschluss der spanischen Mark, des Herzogthums Kärnthen und des cisjuranischen Burgunds, welches sich bereits 879 zu einem selbstständigen Königreiche erhoben hatte, unter seinem Scepter vereinigte.

2) Dass Lothar'n durch der Vertrag zu Verdun der Kaisertitel ausdrücklich zugestanden worden sei, wie man gewöhnlich annimmt, ist mir nicht wahrscheinlich. Wie sich aus der S. 97 Anm. 2 von mir gegebenen Zu-

sammenstellung ergiht, sagt kein gleichzeitiger Schriftsteller von deni Kaisertitel ein Wort; erst Regino und die,

späteren Schriftsteller, welche aus ihm geschöpft haben, erwähnen ihn; allein aus Regino Worten: qui et maior natu erat et imperator appellabatur geht zwar hervor, dass Lothar damals den Kaisertitel führte, nicht aber, dass dieser durch den Vertrag von seinen Brüdern förmlich anerkannt wurde. Wahrscheinlich wurde ihm zu Verdun der Kaisertitel nicht ausdrücklich zugestanden, aber auch nicht geradezu abgesprochen und so behielt er den von ihm bisher geführten Titel bei, der indessen in Beziehung auf sein Verhältniss zu'seinen Brüdern von keiner Bedeutung war und erst unter anderen Verhältnissen wieder Bedeutung gewinnen konnte.

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