Aufsatz 
Der Bruderkrieg der Söhne Ludwig's des Frommen und der Vertrag zu Verdun / nach den Quellen dargestellt von Karl Schwartz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

hatte die Einkeit des Reiches nie aus dem Ange verloren und wenn er seinen Söhnen Rönigreiche verlich, so sollten sie dieselben doch nur unter seiner Oberhoheit verwalten. In derselben Weise war auch jenem ungläcklichen Bernhard das Rönigreich Italien übertragen worden, damit er das- selbe als Vasall des Raisers, niecht als unabhängiger Rönig regiere. In demselben untergeordneten Verhältnisse standen anch Ludwig's des Frommen Söhne, als Beherrscher der ihnen angewiesenen Rönigreiche zu ihrem Vater. Und nun sollte nach Lothar's Plan das bisherige Verbhältniss in dem Frankenreiche aufrecht erhalten werden. Er, der erstgeborne Sohn, wollte nach dem Tode seines Vaters, als Oberhaupt der Gesammtmonarchie, in dessen Stelle treten; er wollte mit dem hkaiser- lichen Titel, den er noch immer führte, auch die kaiserliche Macht verbinden und seine Brüder sollten ihm gegenüber die untergeordnete Stellang einnehmen, welehe ihnen allerdings zu Theil geworden sein würde, wenn Lothar durch seine eigene Schuld und die Zerwürfnisse mit seinem Vater nicht alle Vortheile, weleche ihm dieser einst eingeräumt, wieder verscherzt hätte.

Lothar's Unternehmen kaßn uns, wenn wir die demselben vorausgegangenen Ereignisse er- wügen, nur als im höchsten Gradle unrechtmäfsig erscheinen. Denn seit jenem Reichstage zu Aachen, der ihm so bedeutende Vorzüge einräumte, hatten sich seine Verhältnisse gar sehr geändert und wenn er auf die nächste Vergangenheit zurückblickte, so musste er die Tränme von kaiserlicher Machtfülle, welehe seine Sinne verwirrten, vergessen und sich glücklich preisen in der von seinem Vater ihm angewiesenen Stellung. Seitdem Ludwig der Fromme nach so vielen Leiden und De- müthigungen, welche grofsentheils die zügellose Herrschsucht Lothar's über ihn gebracht hatte, wieder in den Besitz der Rrone gelangt war, gab er den Gedanken auf, seinen ältesten Sohn noch kerner vor seinen Brüdern zu begünstigen. Als er daher im Jahre 336 zu Worms ¹) eine neue Reichstheilung vornahm, beschränkte er Lothar'n auf das Rönigreich Italien, während er die ganze übrige Monarchic unter seine drei jüngeren Söhne Pippin, Ludwig und Rarl vertheilte. Die Stim- mung Ludwig's gegen stinen Sohn Lothar war damals äufserst ungünstig und feindselig, ja er dachte sogar im Jahre 357 auf einen Zug nach Italien und wäre dieser durch die Einfälle der Nor- mannen nicht vereitelt worden, ²) so würde Lothar vielleicht nicht einmal im Besitze des Rönig- reiches Italien geblieben sein. Durch die neue Reichstheilung, welche im Winter 337 auf dem Reichstage zu Aachen*) erfolgte, blieb Lothar auf Italien beschränkt und es war bei derselben die Absicht des Raisers unverkennbar, seinen Liebling Rarl gegen etwaige Angriffe Lothar's sicher zu stellen. Auch als der Raiser seinem Unwillen gegen seinen Sohn Ludwig so sehr nachgahb, dass er deuselhen auf der Versammlung zu Nimwegen im Inni 3538 auf Baiern beschränkte, änderte er nicht das Mindeste in Lothar's Verhältnissen.) Bald nachher trat nun allerdings in dem Verfah- ren Ludwig's eine für Lothar günstige Veränderung ein?) und namentlich seit dem Tode Pippin's befolgte er, durch den Einfluss der Raiserin Judith geleitet, den Plan, in Lothar für seinen gelieb- ten Rarl einen Beschützer zu gewinnen. Aus dieser Absicht waren die letzten Bestimmungen des

1) Die Urkunde dieser Theilung ist uns ohne Angabe von Zeit und Ort erhalten(Boucquet Rerum Gallic. et Francic. Script. VI p. 411). Vielleicht wurde sie schon 835 auf der Reichsversammlung zu Cremien an der Rhone vorgenommen, welche Prud. Trec. ad. a. 835 Pertz I, 429 und bei Enhard. Fuld Pertz I, 360 erwähnt wird.

2) Prud. Trec. a. 837 Pertz I, 430..

3) Prud. Trec. a. 837 Pertz I, 481. Nith. I, 6 Pertz II, 653.

4) Prud. Trec. a. 838 Pertz I, 432. Ruod. Puld. a. 838 Pertz I, 361.

5) Vita Hlud. cap. 59 fin, Pertz II, 644. Nith. 1, 6 fin. Pertz II, 654 2*