Aufsatz 
Der Bruderkrieg der Söhne Ludwig's des Frommen und der Vertrag zu Verdun / nach den Quellen dargestellt von Karl Schwartz
Entstehung
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sollte aufser Italien, welches er Dercits besafs, die ostfränkischen Länder, mit Ausnahme Baierns, und den östlichen Theil der burgundischen Lande; Rarl endlich die westfränkischen Länder, näm- lich Neustrien, Aquitanien und das westliche Burgund, erhalten. ¹) Zwischen den beiden letztge- nannten Hauptländern sollten die Maas, in ihrem ganzen Lanfe von der Quelle bis zur Mündung, weiterhin die Saone, die Rhone, der Genfersee und die Wasserscheide der Alpen bis zum mittel- ländischen Meere eine natürliche Grenze bilden. Gehen wir in eine nähere Prüfung dieser Thei- lung ein, so können wir dieselbe, wenn sich auch die Berechnungen des RKaisers in der Folge als verfehlt erwiesen, nicht gerade als eine unpolitische bezeichnen. Offenbar musste die Berücksich- tigung der Nationalität der Völker die sicherste Gewähr für die IHaltharkeit cines Theilungsver- trages darbicten und gerade in dieser Bcziehung hatte die genannte Reichstheilung einen wesent- lichen Vorzug, indem die romanischen Völker zu Rarl's Reiche gehörten, die reindeutschen dagegen Lothar'n zugetheilt wurden. Der Raiser hatte ferner seinen geliebten Sohn Rarl durch diese Thei- lung mit einem so bedeutenden Reiche ausgestattet, dafs dieser durch die KRraäfte desselben in Stand gesetzt war, sich auch nach des Vaters Tode in seiner neuen Stellung zu behaupten. Lothar, dem der Vater sogar die Wahl zwischen den beiden Reichen gelassen hatte, War, namentlich seinem Bruder Ludwig gegenüber, sehr bevorzngt worden; er sollte dadurch gewonnen und, da es in sei- nem Interesse liegen musste, die neue Theilung aufreebt zu erhalten, zu einem trenen Verbündeten RKarl's gemacht werden. Wie aber gerade diese Berechnung durch die Persönlichkeit des chrgeizi- gen, herrschsüchtigen und gewissenlosen Lothar vereitelt wurde, wird weiter unten gezeigt werden.

Auf der andern Seite war dagegen die Theilung in hohem Grade ungerecht; darum konnte sie einen friedlichen Zustand in dem fränkischen Reiche unmöglich herbeiführen und musste den Reim ihrer Vernichtung schon in sich tragen. Ludwig, dem die Geschiehte den Namen des Dentschen, der für ihn mit Recht zu einem Ehrennamen geworden ist, beigelegt hat, war offenbar der tüch- tigste und würdigste von Ludwig's des Frommen Söhnen und gerade er war bei der Theilung über Gebühr zurückgesetzt worden. Wenn der Raiser über die ganze Vergangenheit Lothar's, der an seinem Vater so schwere Frevel hegangen, einen Schleier fallen liefs, wenn er ihm Alles groſs- müthig verzieh; so durfte er am wenigsten dem Unmuthe nachgeben, welehen er gegen den braven Ludwig damals in der Seele trug. Ludzvig hatte sich allerdings zum Widerstande gegen seinen Vater erhoben und dadurch die Pflicht des Gehorsams verletzt; aber in jenem wichtigen Momente, der über das Schicksal der Fürsten und Völker entschied, musste der Vater den Groll gegen den Sohn um so mehr vergessen, als dessen früheres Benehmen ihm die gerechtesten Ausprüehe auf die Verzeihung des Vaters gab, ja diesen sogar zur Dankbarkeit verpflichtete. Als die Unzufriedenen im Jahre 350 ihre erste Versammlung zu Paris hielten und den Angriff auf den Raiser beschlossen, war Ludwig, der ohne Zweifel dem ganzen Unternehmen fremd blieb, nicht zugegen; ²) und als

traque Rhenum paterni iuris usurpaverat, recipiente patre amisit, Helisatiam videlicet, Saxoniam, Thoringiam, Au- striam atque Alamanniam.

1) Die ausführliche formula divisionis s. bei Prud. Trec. a. 839. Pertz I, 434 und 435. 4 4

2) Radbert vita Walae II, 9 Pertz II, 554 ist wol im Irrthum, da bei Theganus und in der Vita Hlud. Imp. Ludwig's des Deutschen Anwesenheit nicht erwähnt wird. Lothar erschien zwar ebenfalls micht, doch zeigt sein späteres Benehmen, dass nicht kindliche Ehrfurcht und Liebe der Grund seines Ausbleibens war, sondern arglistige Klugheit, indem er erst abwarten wollte, welchen Ausgang Pippin's Unternehmen haben Würde, um danach seine eigene Handlungsweise zu bestimmen.