I. Die Zerstreutheit; Entstehung und Wesen der Aufmerksamkeit.
Von dem Kapital seiner Kenntnisse kann kein Ge— lehrter auch nur den kleinsten Teil einem Freunde als Geschenk überweisen. Ebensowenig kann er, wenn er aus dem Leben scheidet, sein Wissen seinen Kindern als kostbare Erbschaft hinterlassen, denn die göttliche Weis- heit hat es so eingerichtet, daß der wertvollste Besitz des Menschen nicht der Vererbung unterliegt wie Geld und Gut, sondern daß er das edle, unübertragbare Erzeugnis eigener Arbeit ist und bleibt. Auch dem Lehrer ist es unmöéglich, Vorstellungen, Gedanken oder Kenntnisse, wenn er selbst sie auch in vollkommner Deutlichkeit erfaßt hat, als fertige Erzeugnisse auf die Seele des Schülers zu über- tragen, vielmehr fallen die Unterweisungen des geschick- testen Lehrers wirkungslos zu Boden, wenn ein Panzer der Gleichgültigkeit und Unlust die Seele des Schülers umschließt. Wer mit Erfolg lehren will, muß in dem fremden Geiste den Wunsch rege machen, etwas zu lernen; er muß den Schüler in eine Stimmung versetzen, die ihn befähigt, in seinem Geiste die durch die Worte des Lehrers dargebotenen Vorstellungen und Gedanken in freier Tätig- keit nachzuschaffen. Mit anderen Worten: der Lehrer muß die Aufmerksamkeit des Schülers wecken und wach erhalten. Alle Zeit, die ein Kind auf der Schulbank oder vor dem geõöffneten Buche zubringt, während seine Seele von Unaufmerksamkeit beherrscht wird, ist für das Lernen völlig verloren. Bei dieser hohen Bedeutung, die die Aufmerksamkeit für das Geistesleben der Menschen hat,


