Aufsatz 
Ungedruckte Briefe des Prinzen Leopold von Hessen-Homburg und seiner Geschwister : 1804-1813 / von E. Schulze
Entstehung
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erschien. Mit grösster Innigkeit aber schlossen sich die beiden

Geschwister an einander, tummelten sich, durch keinen Eti- kettenzwang eingeengt, im Schlossgarten und im Walde und genossen, von wärmster Verehrung für ihre Eltern er- füllt, in ihrer schönen Heimat einen fröhlichen Lebensmorgen. Wohl dröhnten die Kanonenschüsse der furchtbaren Be- schiessung von Mainz im Sommer 1793 bis nach Homburg herüber, wohl drangen die Franzosen in den Jahren 1795 und 1797 bis nach Homburg vor, aber die Gefahren und Bedrängnisse des Kriegs vermochten die Heiterkeit der jungen Gemüter nur vorübergehend zu trüben. Für ihre reiferen Jahre blieb es den Fürstenkindern vorbehalten, den Schmerz über die Knechtung und Zerrüttung des Vater- landes in tiefster Seele zu empfinden.

Im Gegensatze zu ihren älteren Schwestern erhielt Prin- zessin Marianne nicht eine französische, sondern eine deutsche Erzieherin und gewann unter der Anleitung ihres Vaters frühzeitig Liebe für Geschichte und Dichtkunst. In Leopolds Herzen stärkte die Beschäftigung mit der Ge- schichte des hessischen Hauses und das Vorbild seiner älteren Brüder den angeborenen kriegerischen Sinn, der sich bald die Befreiung Deutschland von der französischen Gewaltherr- schaft zum Ziele setzte.

In Wilhelmsbad bei Hanau lernte Prinz Wilhelm von Preussen, der jüngere Bruder des Königs Friedrich Wilhelm III., im Juni 1803 die fast achtzehnjährige Prinzessin Marianne kennen. Im Herbste bewarb er sich von Pots- dam aus um ihre Hand und erhielt ihr Jawort. Am 27. Dezember verliess Marianne, nachdem sie zum letztenmale mit Eltern und Geschwistern in der geliebten Heimat das Weihnachtsfest gefeiert hatte, in Begleitung ihrer Mutter Homburg. Am 11. Januar 1804 hielt das Brautpaar

seinen feierlichen Einzug in Berlin, am 12. Januar wurde die Trauung im weissen Saale des königlichen Schlosses vollzogen.

Aus der Einfachheit und ländlichen Stille Homburgs

sah sich die Prinzessin plötzlich in das Geräuch einer grossen