Stadt und in die strenge Förmlichkeit einer königlichen Hof- haltung versetzt. Obwohl bald starke Herzensbande sie an ihren jungen Gemahl fesselten, und obgleich die edle Sinnesart der Königin Luise sie wohlthuend berührte, so fühlte sie sich doch anfangs in einer fremden, kalten Welt und ver- mochte auch ihrerseits nicht, ihrer neuen Umgebung mit voller Unbefangenheit und mit der natürlichen Wärme ihres tiefen Gemüts entgegen zu kommen. Um so lieber unterhielt sie sich brieflich mit ihrem verehrten Vater und mit ihrem jüngsten Bruder Leopold. An ihn schreibt sie wenige Tage nach ihrer Verheiratung, am 15. Januar 1804:
„Nur ein paar Worte an Dich, lieber, lieber Leopold, dass Du Marianne nicht ganz vergisst. Sonderbar ist's mir noch immer hier. Ich lebe bis jetzt noch so im ewigen Taumel, dass ich gar keine Gedanken habe. Lieber Leopold, Gefährte meiner Kinderjahre, nehme noch einmal den Dank vor Deine Liebe zu mir, ich habe Dich herzlich lieb.... Wilhelm sitzt bei mir, deswegen muss ich schliessen.
Behalte lieb Marianne.“— „Berlin, den 10. Februar 4, nach 1 Uhr nachts.“
„Es ist zwar schon sehr spät in der Nacht, aber ich kann diesen lieben Tag nicht hingehen lassen, ohne meinem teuren Leopold ein glückliches, zufriedenes Jahr und ganzes Leben zu wünschen. Wilhelm macht Dir viele Komplimente, er hat mich ein paarmal ermahnt, es ja nicht zu ver- gessen und Dir zu gratulieren. Die Johanna Arc habe ich spielen sehen.“*) Nie hätte ich gedacht, dass es möglich wäre, es so gut zu geben. Ich war wirklich so erbaut, als wenn ich die schönste Predigt gehört hätte... Tausend Dank, lieber Leo, für Deinen Brief, der mir so un- endlich viel Freude verursachte. Dass Dir der Abschied von mir leid war, sehe ich mit Freuden. Auch dafür danke
*) Schillers Jungfrau von Orleans war in Berlin am 23. No- vember 1801 zum erstenmal aufgeführt worden und hatte ungeheueren Beifall gefunden.


