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heitliche, gleichmäßige Behandlung angewieſen ſind. Der einſeitige Einfluß eines Einzelſtaates iſt auch im Schulweſen verderblich. Auf dieſe Weiſe können nicht die reichen Anlagen aller deutſchen Stämme gleichmäßig und ſelbſtſtändig entwickelt werden. Die kleineren Staaten Dentſch⸗ lands haben dies beſonders zu beherzigen.—
Nach allem Vorhergehenden iſt es deutlich, daß wir nicht einen engherzigen und kurzſichtigen Nationalismus erſtreben, was dem kosmopolitiſchen Charakterzug des Deutſchen gegenüber ver⸗ geblich und lächerlich wäre. Der Germanismus ſelbſt iſt nicht ein bloßer Racendünkel, wie wir ihn wohl bei andern Völkerſchaften in unſern Tagen aufgeſtachelt finden; der Germanismus iſt gleich dem Chriſtenthum und dem Hellenismus ein allgemeines Weltprincip. Der germaniſche Geiſt, welcher Europa nach dem Sturze des römiſchen Reiches erneuert hat und nun an den Geſtaden des atlantiſchen und großen Occans in unerreichter Seefreudigkeit blühende Anſied⸗ lungen gründet, iſt die lebendige Kraft der perſönlichen Selbſtſtändigkeit, der Selbſtverwaltung, des edelſten Familienlebens, der Frauenachtung, der Philoſophie, der ächten conſervativen, weil organiſch ruhig fortbildenden, Politik. Das deutſche Volk iſt das höchſtgeſtellte Culturvolk, weil es Chriſtenthum und Hellenismus am vollſtändigſten in eigenes Herzblut verwandelt hat. Hierdurch iſt es auch allein befähigt und berechtigt, die edlen Stämme der Weſtſlaven und Magyaren, welche mit ihm das mitteleuropäiſche Landindividuum bewohnen, in demſelben poli⸗ tiſchen Gemeinweſen mit ſich zu verbinden. Welch' ein tüchtiges Staatsvolk aus der Ver⸗ ſhnerzun der Slaven mit den Germanen ſich entwickeln kann, beweiſen unſere Brüder in Preußen.
Die germaniſche Welt Mitteleuropas iſt neuerdings auf allen ihren Marken in's Ge⸗ dränge gekommen, und es iſt hohe Zeit, daß dieſem Rückgang Einhalt gethan werde. Das alte Sprichwort, daß Gott keinen Deutſchen verläßt, ſetzt ſicherlich voraus, daß er ſich nicht ſelber verlaſſe. Der alte Baum der germaniſchen Welt rauſcht voll Ahnung der kommenden Prüfungen auf. Aber der Deutſche glaubt an die Auferſtehung und Verjüngung ſeiner Volksherrlichkeit nach großen Kämpfen auf dem Weltſchlachtplatz im Oſten und auf dem Lügenfeld im Weſten. Dem Deutſchen iſt nach ſeinem heimiſchen Mythus das eiſerne Zeitalter, welches die weit entlegenen Gaue ſeines großen Vaterlandes mit eiſernen Banden feſt um⸗ ſchlingt und ihm die Pflugſchar und das Schwert verliehen, nicht, wie andern Völkern, das traurige und kummervolle, ſondern das männerverherrlichende. Nach dem tiefſinnigen Mythus unſerer Vorfahren von dem Weltbaum muß indeſſen die Schickſalsgöttin der Vergangenheit, die Norne der Geſchichte, die Wurzeln des Volkslebens immerfort aus ihrem Borne erquicken, damit er nicht verdorre. Möchten wir alle mit der Seherin in der Edda freudigen Herzens ſagen können: wir wiſſen, was dies bedeutet! Es bedeutet, daß alle wahren Vaterlandsfreunde, alle Familienväter, alle leitenden Männer des Staates und der Kirche mit allen ihnen zu Gebot ſtehenden Mitteln in dem ganzen Volke, beſonders der Jugend eine lebendige, ſelbſtbewußte Volkskunde nach allen Entwicklungsſtufen des deutſchen Geiſtes hegen und pflegen. Das walte der ſein deutſches Volk nicht verlaſſende Allvater!


