Aufsatz 
Ueber die Bedeutung der germanistischen Studien für die Gegenwart, insbesondere für das Gymnasium / von Schulz
Entstehung
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thologie braucht nicht eine beſondere Stunde angeſetzt zu werden, aber ſie muß in dem deutſchen ſowie geſchichtlichen Unterricht eingehend und lebendig behandelt werden. Die deutſche Mythen⸗ welt hat eine große Anziehungskraft für das jugendliche Gemüth; denn es iſt Blut von unſerm Blut, welches in ihr waltet, und die tiefſten Ahnungen des deutſchen Gemüthes klingen in dieſer gewaltigen Volkspoeſie wieder. Keine ſelbſtſtändige Weltanſchauung in Kunſt und Leben ohne Wiederbelebung und innige Aneignung dieſer zweiten ureignen Geiſtesthat der germaniſchen Welt. Die Hauptdenkmäler der poetiſchen Kunſt der Deutſchen und Germanen überhaupt werden der Gymnaſialjugend im deutſchen Vaterland ſchon ziemlich allgemein in mehr oder weniger vermittelter und moderniſirter Geſtalt nahe gebracht. Ueber die Bedeutung eines tüch⸗ tigen Unterrichts der deutſchen Literatur, beſonders der älteren Zeit, für wahrhaft vaterländiſche Bildung ſagt Gymnaſialdirector Mützell zu Berlin mit Recht in einer gediegenen Abhandlung (Zeitſchrift für Gymnaſialweſen 1847) unter Anderm Folgendes: Wir müſſen die Jugend nicht bloß zur Wiſſenſchaft, ſondern auch zu deutſcher Geſinnung und zu deutſchem Leben vorbereiten. Unſer Leben wurzelt in der beſonderen Natur und in der beſonderen Geſchichte und es hieße eben deſſen edelſte Triebe durchſchneiden, wollte man die Verhältniſſe und Bedingungen deſſelben ohne Weiteres nach einer fremden Eigenthümlichkeit modeln. So viele krankhafte Richtungen der Jugend ſtammen aus der Vernachläſſigung des Vaterländiſchen. Von früh an muß die Vorſtellung mit Bildern angefüllt werden, die deutſchem Weſen entnommen ſind. Das Gedächt⸗ niß muß ſie feſthalten, der Verſtand ſich an ihnen üben lernen. Die Bildung des Gemüthes darf ſich nicht beſchränken auf die ideale Bewunderung claſſiſcher Schönheit und Größe; ſie muß gerade ganz beſonders auf nationale Realität begründet werden. Der Ernſt und die Tiefe deutſchen Gemüthslebens gibt die Mittel, ganz ſtill und geräuſchlos auf eine entſprechende Ent⸗ wicklung des individuellen Gemüthslebens hinzuarbeiten. Nicht minder wichtig iſt es, daß Begehren, Trieb und Wille dieſelbe Richtung auf das Nationale und Zeitgemäße erhalten. Dadurch wird es vermittelt, daß der Jüngling auf eine natürliche Verbindung zwiſchen Lernen und An⸗ wenden, zwiſchen Wiſſen und Handeln, zwiſchen Schule und Leben geführt wird, daß Wille und Thatkraft ihre beſtimmte Richtung für die nationale Gegenwart erhalten. Und gerade die altdeutſche Zeit iſt von beſonderer Wichtigkeit für die Jugend. Iſt doch ein nicht geringer Theil der Erzeugniſſe dieſer Zeit wie der erſte, ſo der rein unvermiſchte und ungekünſtelte Aus⸗ druck deutſchen Geiſtes und Lebens. Es umweht uns hier der ſtärkende Hauch friſchen Natur⸗ lebens, ein kräftiger, ungebeugter Sinn, Zartheit und Tiefe der Empfindung, lautere Wahrheit des Gemüthes, Klarheit und Entſchiedenheit des Willens. Wir müſſen die deutſche Jugend nicht bloß zur Wiſſenſchaft, ſondern auch zu deutſcher Geſinnung, zu deutſchem Leben vorbereiten. Der Muſik⸗ und Geſangunterricht auf dem Gymnaſium hat eine ernſte nationale Aufgabe, welche man an vielen Orten noch nicht gehörig ins Auge gefaßt hat. Gleichwie in den Orga⸗ nismus des griechiſchen Tempels muß der Jüngling auch in die tiefſinnige und ſtolze Gliederung des deutſchen Domes eingeführt werden, und neben den Kunſtwerken des Phidias und Skopas hat das jugendliche Gemüth ſich ebenfalls an den markigen, von Seelenſchönheit durchleuchteten Geſtalten eines Albrecht Dürer und Cornelius zu nähren. Vaterlandskunde und deutſche Ge⸗ ſchichte ſind natürlich für den künftigen Beamten des deutſchen Staates von einer bisher nicht genug geſchätzten Wichtigkeit. Der germaniſche Stamm iſt, um mit Gervinus zu reden, an Geiſt und Körper groß genug, um ſeinen Geſchmack dem ſüdlichen und antiken ſelbſtſtändig gegenüber zu ſtellen. Die germaniſche Welt iſt ſo inhaltvoll, daß die Schulverwaltung an jedem Gymnaſium einem durch ſeine Geiſtes⸗ und Gemüthsrichtung beſonders dafür befähigten Mann eine vorwiegende Beſchäftigung mit dieſem überaus reichen Culturgebiet ermöglichen muß. Das Claſſenlehrerſyſtem, welches in dem letzten Jahrzehnt in manchen Gegenden unſeres deutſchen Vaterlandes auch für die oberen Gymnaſialſtufen ein ihm nicht gebührendes Uebergewicht gewonnen, muß zu Gunſten der germaniſchen Volkskunde dem Fachlehrerſyſtem wieder eine Conceſſion machen. Das wichtige Princip der Theilung der Arbeit, welches die Neuzeit auf anderen Geiſtes⸗ gebieten groß gemacht hat, muß wenigſtens in den oberen Gymnaſialclaſſen ſich auch auf dieſem ideellen Gebiete geltend machen, der Lehrer muß ſeines Unterrichtsgegenſtandes wahrhaft Herr werden können, und ſeine ganze Perſönlichkeit muß der Ausdruck ſeiner Wiſſenſchaft ſein. Die ernſte und lebendige Behandlung der deutſchen Geiſteswelt, bei welcher die Idee des erziehenden