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bisherige Entwicklung der Menſchheit ſeinem Zöglinge vermitteln. In der Geſchichte der Menſch⸗ heit tritt beſonders bedeutungsvoll auf die ernſte ſtrenge Zucht des römiſchen Staatsgeiſtes, ſowie der alle Menſchenkräfte ſchöpferiſch anregende Geiſt der Hellenen. Die gewaltige Organi⸗ ſationskraft des römiſchen Staatsgeiſtes, welche die chriſtliche Kirche und nach ihr die Begründer des deutſchen Reiches einſt in ſich fortzuſetzen geſucht haben, hat gerade für die Gegeuwart, in welcher der leicht in Einſeitigkeit ausartende Individualitäts⸗ und Sonderungstrieb der Germanen ſich auf manchen Gebieten des öffentlichen Lebens allzubreit macht, eine erhöhte Geltung. Im ernſten Ringen mit dem organiſirenden Geiſte der Römer wird das deutſche Leben ſich ſicherer zu umfaſſenden und geſchloſſenen Organiſationen erheben Die auf ideale Darſtellung des Weltinhalts gerichtete, in höchſter und reinſter Formenſchönheit ſich darlebende ſchöpferiſche Kraft des helleniſchen Volksgenius hat das deutſche Gemüth zu tieferem und fruchtbarerem Bewußtſein der eignen urverwandten Geiſtesſchätze bringen helfen und wird zu allen Zeiten dazu beitragen, uns vor falſchen, krankhaften Geiſtesrichtungen zu bewahren. Dieſe beiden Stufen der Menſchheitsentwicklung hat daher jeder Vorkämpfer der Volksbildung, jeder Diener des Staates und der Kirche möglichſt in eignes Herzblut zu verwandeln. Nicht allein in den antiken Sprachen und Kunſtwerken, ſondern in den meiſten Lebensgebieten des claſſiſchen Alterthums liegt ein wunderbarer Reiz, eine anregende Kraft, welche den jugendlichen Geiſt auf die höchſten Beſtrebungen der Menſchheit richten hilft. In der lebendigen Erfaſſung und Behandlung des Alterthums, ſowie einer jeden Culturwelt, iſt zugleich der bisherige Streit über die Bedeutung des Formalismus und Realismus gelöſt.— Man hat in neuerer Zeit vielfach darüber geklagr, das antike Element gehe auf unſeren Schulen meiſt unvermittelt und oft ſogar feindſelig neben dem chriſtlichen her. Man hat ſich nicht zu helfen gewußt und ſelbſt zu dem eigenthümlichen Mittel ſogenannter„chriſtlicher Gymnaſien“ gegriffen. Sogar der geiſtvolle und vaterländiſch geſinnte Culurpolitiker, welcher in der deutſchen Vierteljahrſchrift(3. Heft 1859) den gehaltreichen Aufſatz zur„Unterrichtsfrage der Gegenwart“ geſchrieben, kann die ver⸗ mittelnde Kraft für das chriſtliche und antike Element nicht finden, welche doch im deutſchen Geiſte ſelber ſo nahe liegt. Der deutſche Geiſt iſt dem chriſtlichen ſowohl als antiken urver⸗ wandt. Darum ward das deutſche Volk der beſte Träger des Chriſtenthums und Wilhelm von Humboldt durfte die Deutſchen mit vollſtem Rechte die modernen Griechen nennen, wie ſie es denn auch durch Winckelmann, Leſſing, J. A. Wolf, Göthe, Schiller, Platen ꝛc bewieſen haben. Die Keime des chriſtlichen und antiken Geiſtes liegen bereits in dem reich begabten germaniſchen Gemüth. Wenn man daſſelbe recht tief und lebensvoll entwickelt, entfaltet man ſchon dem Keime nach auch jene beiden anderen Kräfte, welche mit dem eigenthümlich germaniſchen Weſen die Bildung aller heutigen Culturvölker begründen. Damit der chriſtliche und antike Geiſt freudig gedeihe, muß der Stamm, welcher die beiden edlen Blüthen tragen ſoll, friſch und kräftig erhalten werden. Der germaniſche Geiſt ſelber muß mit aller Fürſorge in ſeinem eigenſten Weſen entfaltet werden und zwar nach allen ſeinen Entwicklungsſtufen.— Die einzig mögliche Behandlung der deutſchen Sprache iſt nun die hiſtoriſche. Daß der Schüler eine lebendige Anſchauung der mittelhoch⸗ deutſchen Sprache und ihrer reichen Literatur gewinne, bezweifelt kein pädagogiſcher Schriftſteller mehr, und die öſterreichiſche, würtembergiſche ꝛc. Schulgeſetzgebungen haben hierin das Richtige beſtimmt. Wie weit das Althochdeutſche und Gothiſche zur Erklärung herbeigezogen werden müuͤſſe, ob der Schüler eine Kenntniß der Lautverſchiebung, der geſetzlichen Entwicklung unſeres Vocalismus, ſowie unſerer ſtarken und ſchwachen Conjugation, Declination ꝛc. durch die erſten Entwicklungsſtufen unſerer Sprache hierdurch gewinnen müſſe, darüber hat Vilmar auf den wenigen Blättern ſeiner kleinen Grammatik, ſowie Kehrein in den ſeiner Grammatik beigegebenen Tabellen praktiſche Fingerzeige gegeben. Die Sache hat keine Schwierigkeit und verlangt von Seiten der Schüler nicht zu viel Zeit und Kraft, ſobald es der Lehrer verſteht, denſelben die rechte Luſt daran zu erwecken. Der reiche Organismus der deutſchen Sprache wird nicht in ſeiner ganzen Fülle und Eigenthümlichkeit ſo gelegentlich bei dem Unterricht in fremden Sprachen erlernt, ſondern verlangt ſeine eigene ſelbſtſtändige Behandlung. Es muß in den Staatsprüfungen ein größeres Gewicht auf die Kenntniß der deutſchen Sprache gelegt werden, damit es nicht an geeigneten Lehrern fehlt. Die deutſche Philologie iſt nach Form, Inhalt und Geiſt ausgebildet genug, um auf eine größere Berückſichtigung Anſpruch machen zu dürfen. Für die deutſche My⸗ 3


