Aufsatz 
Ueber die Bedeutung der germanistischen Studien für die Gegenwart, insbesondere für das Gymnasium / von Schulz
Entstehung
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immer mehr kräftigen können. Wie der deutſche Geiſt von Anfang an in einem ſehr innigen Verhältniß zu der Hoheit und der ſchöpferiſchen Kraft der Natur geſtanden, ſo hat er auch in der Naturwiſſenſchaft von Paracelſus und Keppler bis Oken und Alexander von Humboldt Tief⸗ ſinniges und Weltumfaſſendes geleiſtet. Wir werfen nur einen kurzen Blick auf diejenige Wiſ⸗ ſenſchaft, welche die übrigen Zweige der Naturkunde zuſammenfaßt und zur Menſchen⸗Geſchichte hinüber leitet, die Geographie, welche erſt in unſerm Jahrhundert durch Ritter mit deutſchem Geiſte durchleuchtet und zu einer wahren Wiſſenſchaft erhoben worden iſt. Indem ſie in Ver⸗ bindung mit der Volkskunde und Culturgeſchichte die Erde als das Erziehungshaus der Menſch⸗ heit erkannte, lernte ſie den Zuſammenhang von Land und Leuten bei einem jeden einzelnen Volk erfaſſen, ſo zuletzt bei dem deutſchen ſelber. Mitteleuropa, das Landindividuum, auf welches unſere Nation geſtellt iſt, ward durch die Schüler Rittters, durch Mendelsſohn, Berg⸗ haus, Roon, Meinecke, Kapp, Kutzen ꝛc. nach ſeiner Weltſtellung und inneren Gliederung in allen Beziehungen dargeſtellt. Bernhard Cotta wies den Zuſammenhang der geologiſchen Ver⸗ hältniſſe, K. Müller denjenigen der Pflanzenwelt mit dem Volksleben nach. Man fragte endlich nicht allein, durch welches Territorium wird ein Volk erzogen, ſondern auch für welches Terri⸗ torium; was muß es auf dieſem ihm angewieſenen Poſten thun, wie muß es deſſen Vortheile benutzen, wenn es ſeinen Bernf auf dieſem Erdball erfüllen will? Durch die praktiſchen For⸗ derungen, welche ſich aus einer beſtimmten Stellung auf dem Erdball ergeben, werden am beſten die verderblichen Einflüſſe eines vagen Kosmopolitismus beſeitigt. Was nun die Volkskunde ſelbſt anlangt, ſo iſt ſie durch Möſer, Jahn, Arndt, Riehl und Andere allmählig zu einer ſelbſt⸗ bewußten und gerade durch dieſes Selbſtbewußſein ſchöpferiſchen und wirkſamen Wiſſenfchaft erhoben worden, welche täglich eine größere Bedeutung für alle Staatsbeamte erhält. Die Familie, die Grundlage alles ſtaatlichen Lebens, iſt von unſerer ſpeculativen Ethik, beſonders von Chalybäus, in ihrer ganzen ſittlichen Herrlichkeit erfaßt und Riehl hat gerade über die deutſche Geſtaltung des Familienlebens ein Volksbuch im edelſten Sinne des Wortes geſchrieben. Die deutſche Familie iſt noch der beſte Hort unſeres Volkslebens. Ueber die Gliederung des deutſchen Volkes in Berufsſtände hat wohl Schäffle in mehreren Abhandlungen der deutſchen Vierteljahrſchrift das in ſtaatsmänniſcher Hinſicht Bedeutendſte geſagt. Wir werfen nur noch einen Blick auf die Wiſſenſchaft von der deutſchen Verfaſſung und dem deutſchen Recht. Die wiſſenſchaftliche Behandlung der deutſchen Verfaſſung hat oft mehrere Eigenthümlichkeiten des deutſchen Landes, des deutſchen Volkes und der deutſchen Culturentwicklung nicht gehörig ins Auge gefaßt und iſt daher zu verderblichen Folgerungen gelangt. Nicht der ſtramme Einheits⸗ ſtaat iſt deutſch, ſondern das Bundesweſen, in welchem der kleinſte Staat neben dem größten in ſeinem föderalen Rechte offen und treu anerkannt iſt. Damit unſer geſammtvaterländiſches Gemeinweſen gedeihe, muß föderale Einſicht und Tugend gepflegt werden, und auch die Jugend iſt mit größerer Fürſorge als bisher für dieſelbe heranzubilden, worüber Gagern der Vater, dieſer ächt föderale Staatsmann, ſo beherzigenswerthe Worte geſprochen. Ein zweiter wich⸗ tiger Gegenſtand iſt die Wiſſenſchaft vom heimiſchen deutſchen Rechte, welche ſeit Eichhorn durch Grimm, Zöpfl und viele andere treffliche Männer in ſo umfaſſender Weiſe entwickelt worden iſt, daß, wie auch ein Antrag mehrerer deutſcher Staaten beim Bunde bezeugt, ein allgemein deutſches Geſetzbuch auf wahrhaft deutſchen Grundlagen und in ureigner deutſcher Rechtsſprache in Angriff genommen werden darf. Das Studium des römiſchen Rechts wird deßhalb nicht verdrängt, ſondern von den Rechtsbefliſſenen nur um ſo eifriger betrieben werden zu ihrer wiſ⸗ ſenſchaftlichen, ihrer formellen Ausbildung, welcher ſie bei der allgemeinen Verjüngung des Rechts⸗ lebens im ganzen Volke um ſo freudiger obliegen werden. Aber dem Inhalt nach muß unſer Recht endlich wieder ein durchgreifend deutſches werden. Jakob Grimm äußert in ſeinen deut⸗ ſchen Rechtsalterthümern: Das römiſche Recht hat einen Hauptmangel, es iſt uns kein vater⸗ ländiſches, nicht auf unſerm Boden erzeugt und gewachſen, unſerer Denkungsart widerſtreitend und kann uns eben darum nicht befriedigen. Das römiſche Recht erläutert nicht unſere Ge⸗ ſchichte und wird nicht aus ihr erläutert. England, Schweden, Norwegen, welche ihm nicht unmittelbar ausgeſetzt worden ſende haben manche koſtbaren Vorzüge ihres gemeinen Volkslebens auch der Beibehaltung einheimiſcher Geſetze zu danken. Im innern Deutſchland, ſeit er ſein hergebrachtes Recht nicht mehr ſelber weiſen kann, iſt der Bauersmann verdumpft, er denkt beſchränkter und nimmt am Gemeindeweſen geringeren Antheil. Wer in unſern Tagen noch

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