Aufsatz 
Ueber die Bedeutung der germanistischen Studien für die Gegenwart, insbesondere für das Gymnasium / von Schulz
Entstehung
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die letzten Ueberreſte unveräußerter Markverfaſſungen in Weſtphalen oder in der Wetterau kennen lernte, mag es beſtätigen, daß ein anſtändiges Selbſtgefühl und eine ausgezeichnete Tüchtigkeit dem Bewohner ſolcher Gegenden eigen war. In unſerer Zeit, nachdem das Studium des römiſchen Rechts auf ſeine alte Reinheit und Strenge zurückgefuͤhrt, das des ein⸗ heimiſchen wieder zu vollen Ehren gebracht worden iſt, darf man eine Reformation unſerer Rechtsverfaſſung hoffen und vorausſehen. Auf der Germaniſtenverſammlung zu Frankfurt 1846 kämpften beſonders Mittermayer und Chriſt, letzterer damals badiſcher Miniſterialrath, für ein ſelbſiſtändiges deutſches Recht. Mittermayer erzählte aus ſeiner großen Geſchäftserfahrung viele Beiſpiele, in denen die aus dem römiſchen Recht geſchöpften Entſcheidungen in ſchneidendem Widerſpruch mit dem ſittlichen und materiellen Leben des deutſchen Volkes getreten waren. Chriſt verlangte in ſeiner Rede wie auch in einer früheren inhaltvollen Schrift die eifrigſte Pflege des ſo ſcharfſinnig ausgebildeten römiſchen Nechtes als juriſtiſchen Bildungsmittels, will aber bei Abfaſſung eines deutſchen Geſetzbuches vom deutſchen Rechtsbewußtſein ausgegangen wiſſen; der Rechtsſtoff ſoll aus dem deutſchen Leben ſelber geholt werden. Nach dem Sotalchen Vorgang von Preußen und Oeſterreich, welche bereits früher eigene Geſetzbücher abfaßten, muß das ganze Deutſchland ein ſolches und zwar in den Grundlagen gemeinſames Geſetzbuch er⸗ ſtreben. Es war das Zeichen einer großen politiſchen und juriſtiſchen Schwäche, daß man das linke Rheinufer unter dem fremden franzöſiſchen Rechte belaſſen mußte. Aber ſo übereilt dieſes franzöſiſche Recht auch abgefaßt worden war, und ſo unſicher und ſchwankend es in unzähligen Fällen iſt, ſo zog das linke Rheinufer doch das aus den Anſchauungen und Bedürfniſſen der Neuzeit hervorgegangene franzöſiſche Geſetzbuch den Rechtszuſtänden des benachbarten rechten Rheinufers vor. Wie kann aber eine deutſche Volkserziehung gedeihen, wenn das Volk noch unter fremdem Rechte ſteht, ſei dies nun das römiſche oder franzöſiſche? Die Schule wird ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn ſie nicht ein ſcharfes Bewußtſein des volksthümlichen Cultur⸗ zieles, zu welchem doch jedenfalls die Rechtsideen gehören, haben kann. Durch eigene, volks⸗ thümliche Geſetzgebung wird unſer ganzes Leben friſcher und kräftiger werden, was natürlich auch auf die Jugendbildung einen wohlthätigen Einfluß üben muß. Aber auch die Schule hat ihrer Seits eine Pflicht zu erfüllen: ſie muß durch eine lebensvolle Behandlung der vaterländi⸗ ſchen Geſchichte das Verſtändniß einer eigenen deutſchen Geſetzgebung nach allen Seiten hin vorbereiten helfen. Ueberhaupt muß das Studium der Geſchichte ſowie der Philoſophie auf den Univerſitäten neu belebt werden, vorzüglich auch für die Nechtsbefliſſenen, welche beide Wiſſenſchaften bisher im Allgemeinen allzuſehr vernachläßigt haben. Der deutſche Geiſt ver⸗ langt von der Geſchichtsbehandlung vor Allem die Darſtellung des Sichdarlebens der ſittlichen und rechtlichen Ideen, welche allen Ereigniſſen zu Grunde liegen. Die Culturgeſchichte, die hiſtoriſche Volkskunde, muß mit allem Eifer gepflegt werden. Ein wohl entwickelter Sinn für hiſtoriſche Continuität iſt das beſte Mittel gegen jede Einſeitigkeit und Sektirerei. Damit die deutſche Geſchichte für das geſammte Volk gerecht behandelt werde, muß ſie natürlich von allen Stämmen mit gleichem Eifer und mit gleicher Aufopferung gepflegt werden. Auf daß die Jugend die Gegenwart achten lerne und an die Möglichkeit eigener vaterländiſcher Tugend, an die rechte Großſinnigkeit und Hochherzigkeit glaube, dürfen wir die Beiſpiele ächter politiſcher Geſinnung, wie ſchon Schleiermacher bemerkte, nicht ſo ausſchließlich in der antiken Welt ſuchen. In Schleiermacher ſelbſt, in Stein, Fichte, Arndt ac. finden wir ſolche Vorbilder. Fichte's Reden an die deutſche Nation, dieſe großartigen Auffaſſungen vaterländiſcher Pflichten, wie ſie keine andere Nation beſitzen kann, ſind für die Gegenwart von höchſtem Werth.

Nachdem wir bei dem Ueberblick der hiſtoriſchen Entwicklung des deutſchen Volksgeiſtes häufig ſchon auf die Bedeutung der einzelnen Stufen derſelben für die Schule und die übrigen Lebenskreiſe ſowie die Verpflichtung derſelben, die Errungenſchaften dieſer Geiſtesentwicklung zum Gedeihen des geſammten Volkslebens mit allen ihnen zu Gebote ſtehenden Mitteln zu pflegen und zu verwenden, hingewieſen, dürfen wir uns, beſonders bei den Schranken des uns zugewieſenen Raums, in dieſen beiden letzten Theilen unſerer Betrachtung kürzer faſſen. Das ſittlich⸗politiſche Leben gliedert ſich bei den germaniſchen Völkern reicher und ſelbſtſtändiger als bei andern Nationen in Familie, Berufsſtand, Gemeinde, Amtsbezirk, ehemals Hunderte, in den Kreis, welcher meiſt dem früheren Gau entſpricht, in den Einzelſtaat oder Territorialſtaat, den Reichsbund, die Kirche, neben welcher die neuere Wiſſenſchaft auch die Kunſt und die Wiſſen⸗ ſchaft als Lebenskreiſe ſtellt, welche im Staatsorganismus wurzeln, aber mit ihrer Wirk⸗