8
erquicklichkeit, Dede und Wüſte des gänzlichen Mangels an jeder Spur des ſinnlich Schoͤnen, Angenehmen oder gar Erhebenden und Erbaulichen entgegen, oder in manchen Fällen geradezu das beleidigende Gegentheil. Man betrachte nur ſo viele Krankenſäle, Speiſeſäle von gemein⸗ nützigen Anſtalten, Schulen, Wartezimmer größerer Arbeitgeber ꝛc. Für ſie ſowie für die Privatwohnungen ſind nicht blos erbauliche, ſondern auch ſchöne Bilder nöthig. Es fehlt aber unſern Schulen und Fortbildungsanſtalten überhaupt faſt noch ganz und gar an den geeigneten Wandbildern, während doch Geographie, Ethnographie und vor Allem vaterländiſche Geſchichte ohne ſolche Anſchauung nimmermehr zu einem lebendigen und belebenden Lehrſtoff, Erziehungs⸗ und Bildungsmittel zu erheben ſind. Nur Preußen und Baiern haben einige Anfänge darin gemacht. Unterſtützungen aus öffentlichen Mitteln wären daher hier ſehr an ihrem Ort.— Für religiöſe Bilder hält nun Huber mit vielen Kunſtfreunden und Vereinen den Kunſtſtyl des ſechszehnten Jahrhunderts geeignet wegen der allgemeinen Wahlverwandtſchaft der geiſtigen und ſittlichen Bildung des eigentlichen Volkes unſerer Gegenwart mit jener des ſechszehnten Jahrhunderts, d. h. nicht ſowohl mit der damaligen Volksbildung im engeren Sinn, ſondern mit der durchſchnittlich allgemeinen Bildung. Wie beſchämend das Geſtändniß auch für die Eigenliebe der modernen Volksbildungsanſtalten ſein mag,— was das deutſche Volk im engeren Sinn, lalſo die unteren und arbeitenden Claſſen mit Einſchluß des Bauernſtandes ſowie des unteren und mittleren Handwerkerſtandes] noch von chriſtlicher Bildung nicht nur, ſondern über haupt von höherer und tieferer, edlerer, inniger Bildung des Verſtandes und Gemüthes und⸗ namentlich des Sinnes für das Schöne in Kunſt und Dichtung hat, wo und ſoweit dies Volk noch wirklich ein chriſtliches und im beſten Sinn ein deutſches iſt, da ſteht es weſentlich noch in jenem ſechszehnten Jahrhundert, und, was das evangeliſche Deutſchland betrifft, in dem Silberblick der Reformation. Hier müſſen wir alſo anknüpfen. Die Wiedergeburt dieſes ältern Styles durch heutige wahlverwandte Kunſtler, wie Andreä, muß ins Auge gefaßt werden. Un⸗ nöthige Härten, Ecken, Unverſtändliches oder geradezu Fehlerhaftes iſt zu beſeitigen. Wahlver⸗ wandte moderne Motive ſind auf den alten Stamm zu pflanzen und zu Bluͤthe und Frucht zu bringen. Auch die höheren Stände müſſen wieder mehr für den ächt deutſchen Holzſchnitt gewonnen werden. Man hat es mit Recht als ein nationalpolitiſches Unglück beklagt, daß ſeit dem ſechszehnten Jahrhundert durch die einſeitig aus der Fremde geholte Bildung der höheren Stände eine geiſtige Kluft zwiſchen ihnen und dem eigentlichen Volke entſtanden ſei. Durch Pflege der heimiſchen Kunſt und Sitte kann wieder eine Brücke über dieſelbe geſchlagen werden. Durch allſeitige Einwirkung auf die niedern, oft verwahrloſten Stände, durch Verbreitung guter vaterländiſch geſinnter Bücher und Bilder haben die Gebildeten einen ſchönen Beruf zu erfüllen, für welchen das Verſtändniß glücklicher Weiſe in immer weiteren Kreiſen erwacht. Durch die Erſtarkung des deutſchen Sinnes wird dann auch ein wichtiger Zweig der Volksthätigkeit, die Tektonik und geſammte Kunſtinduſtrie, ſich von den in jeder Hinſicht verderblichen Einflüſſen des Auslandes befreien. In andern europaͤiſchen Ländern beſchäftigen ſich die erſten Staatsmänner, Gelehrten und Künſtler mit der Förderung dieſes in das Volksleben ſo tief eingreifenden Ge⸗ bietes. Möge auch bei uns der vaterländiſche Gedanke ſich deſſelben wieder bemeiſtern!
Die vierte und höchſte Stufe des ſich glücklich entwickelnden Volksgeiſtes iſt nun die Wiſſenſchaft. Wenn dieſelbe auch im Vergleich mit Kunſt, Mythus und Sprache mehr einen allgemein menſchlichen Charakter trägt, ſo macht ſich eine jede Volkseigenthümlichkeit doch auch in ihr mehr oder weniger geltend. Oder wer wollte dies leugnen bei der Art und Weiſe, wie der Deutſche ſich zur Religion, zur Natur und zu den übrigen das menſchliche Leben bewegen⸗ den Ideen in ein wiſſenſchaftliches Verhältniß zu ſetzen ſucht, oder in der Art ſeiner Geſchicht⸗ ſchreibung und Philoſophie? In der deutſchen Theologie iſt eine recht eigenthümlich deutſche Erſcheinung die ſpekulative Myſtik, die„dentſche Theologie“, welche Luther ſehr wohl zu ſchätzen wußte. Wenn man die Schriften und Predigten dieſer„Erzväter der deutſchen Philoſophie“, wie man mit Recht dieſe ſpeculativen Myſtiker, die Tauler, Eckart ꝛc. nennt, näher ins Auge faßt, ſo möchte man zu der Anſicht gelangen, daß unſere Väter ein tieferes religiöſes Verſtändniß beſeſſen als das gegenwärtige Geſchlecht. Es iſt daher ſehr dankenswerth, daß Pfeiffer und Schmidt uns dieſe kräftigen Denker wieder zugänglich machen. Unſere Theologen werden ſich und ihre Gemeinden an dieſer ſpeculativen Kraft des Geiſtes und dieſer Gemüthsinnigkeit


