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Es war das Chriſtenthum nichts, was dem Deutſchen fremd und widerwärtig geweſen wäre; es bekam der deutſche Charakter durch dieſe Religion die Vollendung ſeiner ſelbſt. Als das Chriſtenthum das deutſche Leben nach allen Seiten durchdrungen hatte, trat die Blüthezeit unſerer Dichtung unter den Hohenſtaufen ein. Das Hauptwerk dieſer Zeit, obgleich weniger von chriſtlichem Geiſte durchdrungen, das Nibelungenlied, iſt durch eine Reihe unſerer beſten Männer, durch Hiſtoriker wie Johannes von Müller, Gervinus und Vilmar, durch Kritiker wie A. W. von Schlegel, Grimm, Lachmann, W. Müller, durch Aeſthetiker wie Viſcher und Carridre, durch Dichter wie Simrock in ſeiner Eigenthümlichkeit erfaßt und in weiteren Kreiſen bekannt geworden. Ein beſonders zu empfehlendes Buch iſt: Timm's„Nibelungenlied nach Darſtellung und Sprache ein Urbild deutſcher Poeſie,“ indem der Verfaſſer mit Geiſt und Sachkenntniß im Einklang mit den Geſichtspunkten Viſcher's den eigenthümlich deutſchen Kunſt⸗ ſtyl in dieſem gewaltigen Liede nachgewieſen hat. Da die bildenden Künſte vielfach und mit dem größten Glück der künſtleriſchen Aufgaben dieſes Liedes ſich bemächtigt haben und auch die in unſerer Zeit populärſte Kunſt, die Muſik, ſich rüſtet, die Theilnahme für dieſe Dichtung in den weiteſten Kreiſen zu erwecken, ſo laſſen wir uns auf ein unnöthiges Lob dieſer großartigen Poeſie nicht ein und wünſchen nur mit Göthe,„daß Jedermann es leſen und nach dem Maße ſeines eigenen Vermögens ſich dadurch möge fördern laſſen.“— Aehnliches gilt von der zweit⸗ bedeutendſten Dichtung des Volksepos, der lieblichen Gudrun. Wir wundern uns nur, daß die Malerei bisher die dankbaren Stoffe dieſer ächt deutſchen Schöpfung ſich noch nicht zu Nutze gemacht, und wünſchen, daß vaterländiſch geſinnte Buch⸗ und Kunſthändler, reiche Freunde der Kunſt und beſonders kunſtſinnige Fürſten unſern Zeichnern und Malern Gelegenheit geben mögen, die künſtleriſchen Schätze dieſes Liedes zu heben. W. v. Plönies ſagt in den ſeiner glücklichen Bearbeitung der Gudrun beigegebenen Abhandlungen: wir glauben, daß die intenſive Gemüths⸗ kraft, das eiſerne Feſthalten an Liebe und Haß, an Stammes⸗ und Familienehre, der kecke Stolz und die unerſchütterliche Mannestreue— mit einem Worte das conſervative Princip in edelſter Bedeutung, welches in unſern Epen ſich ausſpricht und ſie mit der Wärme der reinſten Menſchlichkeit durchdringt, unſerer innerlich und äußerlich nivellierten Zeit die heilſamſte Geiſtes⸗ nahrung wäre.— Mehrere kirchliche Blätter dringen neuerdings mit Recht darauf, daß Kirche und Schule ſich der altdeutſchen Poeſie mehr annehmen, und daß neben den lebensvollen, künſt⸗ leriſch vollendeten Epen der Griechen die durch ſittliche Ideen ſo mächtige deutſche Dichtung der Jugend nahe gebracht werden müſſe. Sie ziehen aus der Darlegung der altdeutſchen Tugenden der Treue zwiſchen Herrn und Dienſtmannen, der Milde, der Freigebigkeit, des Mit⸗ leids unſerer Vorfahren allerlei Nutzanwendungen, z. B.: Wie ſieht es jetzt aus mit dem Ver⸗ hältniß der Herrſchaften, wie kommen ſie ihren Verpflichtungen gegen die Dienenden nach? Wie iſt das heutige Familienleben zerrüttet! Die Fabrikherrn nützen und verwerthen oft den Arbeiter und werfen ihn dann weg, wenn ſie ihn nicht mehr gebrauchen können ꝛc.— Die Kirche hat ſich der germaniſtiſchen Studien nur zu freuen, denn ſie ergänzen die antike Anſchau⸗ ung, in welcher die Gymnaſialjugend aufwächſt. Von dieſer Seite genommen, haben die alt⸗ deutſchen Studien ſicherlich ihre große Bedeutung für das gegenwärtige Geſchlecht.— Bei Betrachtung der Lyrik übergehen wir den herrlichen Walter von der Vogelweide, ebenſo das weltliche Volkslied, um welches ſich Arnim und Brentano, Thibaut, Silger, Gervinus, Vilmar und vor allen Uhland ſo verdient gemacht haben, und werfen nur einen Blick auf das geiſtliche Volkslied. Hier begegnen wir von Seiten mehrerer für die ſittliche Hebung des Volkes beſonders thätiger Geiſtlichen ebenfalls einer erfreulichen Theilnahme für germaniſtiſche Studien. Sie haben erkannt, daß der jugendfriſche Geiſt der Germanen das rechte Gefäß für das Chriſtenthum war. Hier wohnte eine ungemeine Befähigung, das Evangelium auf's Tiefſte zu erfaſſen, in's innerſte Weſen aufzunehmen. Hier war ſchon vor der Einwirkung des Evangeliums ein Ueberwiegen des Ethiſchen über das Natürliche, ein Herausſtreben des Geiſtes aus dem, was vergänglich iſt. So ſagt einer dieſer für unſer Volksthum begeiſterten Gottesgelehrten: Welche Werthſchätzung der Perſönlichkeit liegt in der germaniſchen Liebe zur Freiheit, und wie leicht mußte ein Volk, welches in dieſer Liebe ſtand, in die Lehre von der Freiheit der Kinder Gottes eindringen! Wie war doch dem Evangelium für ſeine ſegensreichſte Wirkung der Boden bereitet in der hohen Achtung, welche die Deutſchen dem Weibe zollten, und in ihrem Familien⸗


