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waltet. In Island, dem abgelegenſten Winkel der Erde, blieb er gleich den Gluthen des Hekla unter Schnee und Eis der Gletſcher verborgen. Wollen die Deutſchen nun die ihrem Geiſte eingeborenen und noch einwohnenden Götter, d. h. ſittlichen Mächte verehren, wollen ſie den Geiſt ihrer älteſten Geſchichte zu ſich ſprechen laſſen, ſo müſſen ſie nach dieſem äußerſten Thule wandern und die Früchte koſten, die unter dem ſtarrſten aller Himmel gereift ſind. Es geſchah im neunten Jahrhundert, daß die urſprüngliche Geſtalt des germaniſchen Lebens nach Island flüchtete. Es waren nach Köppen's Worten die freieſten und edelſten Männer Nor⸗ wegens, die Blüthe der alten Ariſtokratie, der Geiſt der germaniſchen Vorwelt ſelbſt, welcher vor der Alleinherrſchaft Haralds ſich zurückzog und am äußerſten Ende der alten Welt ſeinen Thron aufſchlug. Hier wollte er raſten, um über ſich ſelbſt nachzuſinnen, ſich in ſich ſelbſt zu vertiefen, und das iſt eben die weltgeſchichtliche Bedeutung Islands, daß auf ihm der alte Norden zum Bewußtſein über ſich ſelbſt gekommen iſt. Seine Literatur gehört daher nicht der einſamen Inſel allein, ſie gehört dem geſammten Norden, ſie iſt ein Denkmal des germaniſchen Geiſtes überhaupt. Nebſt Simrock's trefflicher Bearbeitung werden die Beſtrebungen der bilden⸗ den Künſtler dazu beitragen, uns dieſe älteſte germaniſche Poeſie nahe zu bringen. Mit Freuden haben wir bemerkt, daß Profeſſor Carrière die Edda unter die Zöglinge der Malerakademie zu München gebracht und daß ſie von denſelben mit Luſt geleſen wird. Solcher Samen wird gute Fruͤchte tragen. Die Südgermanen, die Deutſchen, ſind zum umfaſſendſten Weltverkehr, zur Aufnahme aller geiſtigen Schätze der Menſchheit berufen. Sie wurden die beſten Träger des Chriſtenthums durch die Tiefe ihres Geiſtes und Gemüthes ſowie ihre Begeiſterung für alle hohen, ſittlichen Ideen. Es iſt wahrhaft wunderbar, wie ſchnell und ganz ſie ſich das Chriſtenthum aneigneten, ſelbſt die zuletzt bekehrten Sachſen, wovon der Heliand ein glänzender Beweis iſt. Obgleich derſelbe durch mehrere gelungene Uebertragungen in das Neuhochdeutſche allgemein zu⸗ gänglich geworden und in keinem chriſtlich deutſchen Hauſe fehlen ſollte, ſo iſt er bis jetzt doch, von dem kurzen Auszug in Vilmar's Literaturgeſchichte abgeſehen, nur in engeren Kreiſen bekannt. Wer es indeſſen mit ſeinem Volke wohl meint, wird die nähere Kenntniß dieſer herrlichen Dichtung in Schule und Haus zu verbreiten ſuchen. Wir ſetzen zur Mahnung für manchen Leſer dieſer Blätter einige Worte von Simrock hierher: was Klopſtock wollte und nicht ver⸗ mochte, das chriſtliche Epos dichten, das war vor tauſend Jahren einem neubekehrten Sachſen gelungen. Nicht das fränkiſche Schwert, die Herrlichkeit des Chriſtenthums, die himmliſche Milde ſeiner Lehre hatte ihn dem Friedenskinde Gottes gewonnen. Seinen Namen verſchweigt er, beſcheiden tritt er zurück hinter ſeinem Volke, deſſen Stimme er iſt, wie in aller epiſchen Dichtung die Perſönlichkeit des Sängers vor ſeinem großen Gegenſtande verſchwindet. In dieſem Sinne iſt es wahr, daß der Heliand das einzige chriſtliche Epos ſei, das in deutſches Blut und Leben verwandelte Chriſtenthum. Wir ſehen den Schauplatz in die deutſchen Waͤlder gerückt, vor Burgen mit hochgethürmten Zinnen; die Apoſtel ſind ſächſiſche Recken, und nicht ſelten bricht die hochherzige Geſinnung deutſcher Helden hervor, die rührende Treue der Degen zu dem fürſtlichen Gebieter und Herrn.— Unter den Kirchenzeitungen haben die Berliner evangeliſche Kirchenzeitung ſowie die fliegenden Blätter aus dem Rauhen Hauſe bei Hamburg, welche überhaupt der altdeutſchen Dichtung eine warme Theilnahme zuwenden, ihn gefeiert. Letztere laſſen ſich alſo vernehmen: im Heliand ſind die Evangelien deutſcher Volksgeſang ge⸗ worden, der ſtolz und kräftig, innig und mild daher ſchreitet, mit dem kühnen Odem der Alliteration, mit der herzanſprechenden Traulichkeit ſich immer wiederholender epiſcher Redeweiſen. Chriſtus iſt in dieſem Geſang nicht nur Menſch, ſondern Deutſcher geworden; das Friedekind Gottes erſcheint als deutſcher König, umgeben von ſeinen Herzögen, gefolgt von ſeinen Volks⸗ ſchaaren. Wie auf einem deutſchen Volkstage gibt er die ewigen Geſetze des Gottesreiches. Wenn er Wohlthaten ſpendet, ſcheint der reiche Herr des Himmels ſich in die Milde, die Frei⸗ gebigkeit deutſcher Könige gekleidet zu haben. Möge daher dies einzige Lied zum wahren Volks⸗ buch werden!— Seit Einführung des Chriſtenthums wich frühere Wildheit chriſtlicher Milde, und um mit Vilmar zu reden, welcher dieſe ältere Zeit mit verwandtem Gemüthe dargeſtellt hat, die Tapferkeit und die Treue, die Freigebigkeit und die Dankbarkeit, die Keuſchheit und die Familien⸗ liebe, die älteſten und ächteſten Züge des deutſchen Charakters, ſie blieben nicht allein unge⸗ ſchmälert und ungebrochen, ſondern wurden durch das Chriſtenthum weiter entwickelt und erhöht.


