Aufsatz 
Ueber die Bedeutung der germanistischen Studien für die Gegenwart, insbesondere für das Gymnasium / von Schulz
Entstehung
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Mythus treten Vorſtellungen ſtark und rein hervor, deren das menſchliche Herz hauptſächlich bedarf und an denen es ſich aufrecht erhält. Der höchſte Gott iſt ihm ein Vater; Tod iſt Heimgang, Rückkehr zum Vater; die höchſte Göttin iſt Mutter ꝛc. Drama und Bildkunſt gehen darauf aus, die Götter für das menſchliche Gemüth näher und menſchlicher zu faſſen. Wenn ſie ſich aus dem Volksglauben erheben, ſo ſchmücken und ſchützen ſie ihn durch unvergängliche Werke. Beides ſcheint der deutſchen Götter⸗ und Heldenſage jetzt endlich zu Theil zu werden. In der Walhalla bei Regensburg ſtellen die metallenen Ausſchmückungen die drei Hauptſtufen der germaniſchen Mythologie dar: 1) die Schöpfung des erſten Menſchenpaares, Ask und Embla; 2) die Erhaltung der Dinge, die Regierung der Welt, den Götterkreis mit Odin und Frigg in der Mitte; 3) das Ringen gegen den Weltuntergang, mit der Welteſche, den Nornen, dem Drachen ꝛc. Maler Lindenſchmid und Profeſſor Stiglmair in München haben dieſen Sagen⸗ cyclus componiert und in Zink gegoſſen. Mit Recht werden Rauch's Walkyrien daſelbſt auf's Höchſte bewundert. Im Berliner Muſeum haben im Saal der nordiſchen Alterthümer die Maler Müller aus Göttingen, Heidenreich und Guſtav Richter die Götter nach der Edda dargeſtellt, Götter des Lichtes und des Guten auf der einen, unterirdiſche Götter und böſe Weſen auf der andern Seite, z. B. Hertha fährt, Blumen und Früchte ſtreuend, von Kühen gezogen; Nacht und Tag, von Wölfen verfolgt, ſtürmen durch den Himmel, Odin tyronend, von ſeinen Raben umflogen, Wölfe zu ſeinen Füßen; Baldur wird von Hödur erſchoſſen; Walkgyrien durchreiten die Reihen der Kämpfer; die Einherier in Walhalla, Freya, Nornen ꝛc. Es ſind meiſt wenig Figuren, aber in guter Auswahl und bezeichnenden Situationen. Das Bild der Lorelei, der Nixe des Nheins, von Begas, iſt bereits Eigenthum der Nation geworden. Auf Knoll's Tann⸗ häuſerſchild iſt in der Mitte Tannhäuſer mit der Göttin Hulda, darum ein Reigen der Elfen und um dieſen zieht ſich das wilde Heer. Müller in München hat eine vortreffliche Gruppe der drei Schickſalsgöttinnen, der Nornen, und eine Vaſe mit Nixen und Meerleben geſchaffen. Die Nibelungenausgaben mit den Holzſchnitten von Bendemann und Schnorr greifen nach dem Vorgang von Cornelius glücklich in das mythiſche Gebiet. Ebenſo haben Ludwig Richter und Otto Spekter in ihren Holzſchnitten zu deutſchen Märchen Sinniges geleiſtet. Wahrhaft Wunderbares aber hat auf dieſem Märchengebiet Moriz Schwind geſchaffen, beſonders in ſeinem von deutſcher Gemüthsherrlichkeit ſtrahlenden Bildercyclus von der treuen Schweſter oder den ſieben Raben. Kaulbach, welcher bereits durch ſeine Darſtellungen der drei oberſten Götter, der Saga ꝛc. ſeinen den hohen poetiſchen Gebilden der germaniſchen Mythenwelt con⸗ genialen Künſtlergeiſt bewährte, hat ſchon Bedeutendes aus der Siegfriedſage ſkizzirt. Unter den Dichteru haben Uhland, Simrock und Geibel mit tiefem Verſtändniß an die Götterſage angeknüpft und ſie neu belebt für das gegenwärtige Geſchlecht. Die Volksſage will, um mit Grimms Worten zu reden, mit keuſcher Hand geleſen und gebrochen ſein. Wer ſie hart angreift, dem wird ſie ihren eigenſten Duft vorenthalten. Glücklich, daß wir wieder ächt deutſche Künſtler finden, welche dieſen Forderungen zu genügen verſtehen! Sie werden den vollen Tiefſinn unſerer Sagen entwickeln und das Rohe verdrängen, welches dieſer Volkspoeſie durch lange Abwendung der gebildeten Stände geblieben war. Das Volk aber hat ſeine großartige Dichtung nie auf⸗ gegeben. Es kommt nur darauf an, daß die Gebildeten ſich wieder in das rechte Verhältniß zu derſelben ſetzen. Mit der Volkspoeſie muß die Kunſtpoeſie nebſt allen andern Künſten ſich wieder innig verbinden, um aus dieſem Jungbrunnen mit erneuter Schöne hervorzuſteigen. Die dritte Entwicklungsſtufe des Volksgeiſtes iſt nun die eigentlich künſtleriſche, d. h. in welcher die Kunſtthätigkeit die höchſte Blüthe des Volkslebens iſt. Wir ſind den übrigen europäiſchen Nationen der Nenzeit mit der Entwicklung einer claſſiſchen Poeſie vorausgegangen und ihnen nicht wie Manche meinen, bloß gefolgt. Doch bevor wir unſere eigene ſüdgermaniſche Kunſt⸗ entwicklung betrachten, müſſen wir einen Blick auf Nordgermanien werfen, welchem es vergönnt war, den heimiſchen Mythus uns in künſtleriſcher Geſtaltung zu hinterlaſſen. Wir meinen die Edda, welche nun endlich durch Simrock's Bemühungen für jeden Gebildeten wieder zu einem theueren Glied unſerer vaterländiſchen Dichtung geworden iſt. Simrock ſagt in Betreff ihrer Erhaltung: Am meiſten iſt der Verluſt unſerer ſüdgermaniſchen Götter⸗ und Heldengeſänge zu beklagen, welche den lebendigſten Ausdruck der urſprünglich deutſchen Weltanſchauung enthalten haben müſſen. Ein glücklicherer Stern hat im Norden über dem Glauben unſerer Väter ge⸗