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möglich ohne das richtige Verſtändniß der Schöpfung dieſer Mythenwelt. Aber leider herrſchen uͤber die mythenbildende Thätigkeit des Volksgeiſtes noch viele falſche Anſichten und verderbliche Vorurtheile. Die Wahrheit verkörperte ſich in der vorgeſchichtlichen Zeit, wie Simrock es treffend ausdrückt, in ein Bild, ein Sinn⸗ und Gedankenbild. Die Anſchauungen kleideten ſich in Erzählungen von den Thaten und Erlebniſſen der Götter, der perſonificierten ſinnlichen und ſittlichen Maͤchte des Lebens, und dieſe Bilder, dieſe Erzählungen nennen wir Mythen. Der Mythus enthält alſo Wahrheit in der Form der Schönheit. Er iſt Poeſie, die älteſte und erhabenſte Poeſie der Völker. Er iſt Wahrheit und Dichtung zugleich, Wahrheit dem Inhalte, Dichtung der Form nach. Die in der Form der Schönheit angeſchaute Wahrheit iſt Dichtung, nicht Wirklichkeit. Wahrheit und Wirklichkeit werden nur zu oft verwechſelt. Wirklich iſt der Mythus nicht, gleichwohl iſt er wahr. Erſt jetzt, ſeitdem die Mythen nicht mehr eine religiöſe Glaubensangelegenheit für uns ſind, wir aber auch andererſeits das tiefe Weſen der Volkspoeſie nicht mehr verkennen, gibt es eine Mythologie, eine Wiſſenſchaft der Mythen. Sie lehrt uns erkennen, daß den religiöſen Anſchauungen der Völker geiſtige Wahrheit zu Grunde lag, der Irrthum aber darin beſtand, daß die Bilder für wirklich angeſehen wurden.— Nachdem Klopſtock und Köppen nur die Mythenwelt der Nordgermanen, der Skandinavier gekannt, ward Jakob Grimm der Schöpfer der ſüdgermaniſchen, der deutſchen Mythologie, und Simrock übernahm es, ſeitdem der eigenthümlich deutſche Volksglaube durch Jakob Grimm feſtgeſtellt war, uns den geſammtgermaniſchen Mythus in einem lebensvollen Bilde aufzurollen. Wir Germanen wiſſen nun, daß wir ein ſelbſtſtändiges Götter⸗, Helden⸗ und Thierepos beſeſſen, ein Götterdrama ſo großartig wie keine andere Nation. Der Weltuntergang wird darin als die Folge der Ver⸗ dunkelung der ſittlichen Begriffe dargeſtellt. Dem Gefühl unſerer Vorfahren ruhte die Welt auf ſittlichem Grunde. Wenn dieſer hinweg gezogen würde, ſahen ſie das ganze Weltgebäude zuſammenſtürzen. Sie erfaßten ſchon die Wahrheit, daß ohne Religion kein ſtaatliches Gemein⸗ weſen beſtehen kann. Dieſe Lehre gibt uns unſere Mythologie. Simrock ſagt daher mit Recht: „Wie wenig verſteht alſo der Staat ſeinen Vortheil, welcher die deutſche Mythologie ſo wenig begünſtigt, und wie wenig verſtehen ihn die unfrommen Frommen, die nicht ablaſſen, unſer Heidenthum als gottlos und heillos zu verſchreien. Den modernen Heiden gegenüber er⸗ ſcheinen die alten deutſchen Heiden als ſittlich, fromm und gläubig, das alte Heidenthum hehr und heilig, eine würdige Vorhalle des Chriſtenthums.“ Eben ſo weiß Grimm an vielen Stellen ſeiner Schriften die Bedeutung unſerer vaterländiſchen Mythenwelt für Geiſt und Gemüth uns an's Herz zu legen. Die wichtigſten Mächte des Mythus leben noch in der Volksſage und dem Volksglauben lebendig ſort, wie die wilde Jagd, Holda, Bertha, weiße Frauen, Schwanfrauen, bergentrückte Könige, wie Karl der Große im Untersberg und Friedrich der Rothbart im Kyffhäuſer, welche beide an Wuotans oder Donars Stelle getreten ſind; ferner der Weltuntergang in der Schlacht auf dem Walſerfeld und bei Kolmar, die Rieſen, Zwerge, Elben, Wichteln, Nixen, Hausgeiſter ꝛc. In den Sitten und Gebräuchen finden ſich noch ſehr viele mythiſche Elemente, z. B. die Heilbrunnen, Kampf zwiſchen Sommer und Winter drama⸗ tiſch dargeſtellt, Oſterſpiele, Schwalbenempfang. Die Namen mehrerer Wochentage, Namen der Feſte, Blumen und ſo vieler Berge Deutſchlands erinnern uns jeden Augenblick an die Götter unſerer Vorfahren. Der oberſte Gott Wuotan, der Alles durchdringende Geiſt, waltet ſo recht durck die ganze deutſche Geſchichte. Er lebt in Verwandlungen fort in ſeinem Sohn Siegfried, in dem Erzengel Michael, dem früheren Fahnenbild des deutſchen Reiches, ſowie in dem heil. Martin und St. Georg, in denen der Drachentöder Siegfried ins Chriſtliche überſetzt wurde; ferner in den Kaiſern Karl dem Großen, Otto I., Friedrich dem Rothbart und noch in Karl V. Bei drohendem Kriege zieht er noch immer aus dem nach ihm benannten Odenwald mit ſeinem wilden Heere über die Gauen Deutſchlands hin. Ein unendlicher Sagenreichthum ſchmückt noch die deutſchen Gauen, aber ein beſonders claſſiſcher Boden unſerer Mythenwelt liegt doch zwi⸗ ſchen Donnersberg, Odenwald und Altkönig. Unſere Vorfahren haben ihr heimathliches Land mit frommem Sinne erfaßt und in die innigſte Beziehung zu ihren Gottheiten geſetzt. Sie haben es dadurch mit einer höheren Weihe umgeben und es ſich doppelt theuer gemacht. Das mehr frei herum fliegende Märchen und die am Boden feſter wurzelnde Sage geben der Jugend und dem Volke noch heute geſunde Nahrung. In ihnen ſowie in dem eigentlichen


