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eine ſolche nach Inhalt und Form beſitzt, ſchon deßhalb, weil kein anderes Volk dieſe geſetz⸗ mäßige Entfaltung und Geſtaltung ſeiner Sprache durch Jahrtauſende in eigenthümlichen, in ſich geſchloſſenen und innerlich reichen Entwicklungsſtufen mit ſo bezeichnenden Schriftdenkmälern nachweiſen kann. Dieſe Entwicklungsſtufen des deutſchen Sprachſchatzes liegen jetzt klar vor unſern Augen, nachdem Löbe und Gabelentz die gothiſche, Graff die althochdeutſche, Müller und Zarncke durch Neubearbeitung von Benecke's Werk die mittelhochdeutſche Zeit behandelt haben, und das Wörterbuch der Gebrüder Grimm den vorhandenen Wortreichthum in ſeiner ganzen Fülle vor uns ausbreitet. Damit ergeht an alle Gebildeten unſeres Volkes die Mahnung, ſich dieſer vaterländiſchen Schätze würdig zu erweiſen, indem ſie dieſelben zu immer erneuter Selbſt⸗ bildung verwenden. Was haben wir denn— wie Jakob Grimm in der inhaltvollen Ein⸗ leitung zu ſeinem Wörterbuch unter Anderem bemerkt— Gemeinſames als unſere Sprache und Literatur? Und je weiter man zurückblickt, deſto ſchöner und vollkommener dünkt uns die leib⸗ liche Geſtalt der Sprache, deſto mehr bezaubert uns die ſinnliche Schönheit derſelben. Je näher wir ihrer jetzigen Faſſung treten, deſto weher thut es uns, jene Macht und Gewandtheit der Form in Abnahme und Verfall zu finden, wofür freilich der ſcharfe Ausdruck rein geiſtiger Verhältniſſe gewinnt. Um zum vollen Begriff unſerer herrlichen Sprache zu gelangen, haben wir uns die leuchtenden Geſetze ihrer älteren Geſtaltungen wieder nahe zu bringen.— Es iſt darin auch eine erfreuliche Thätigkeit eingetreten. Wir ſuchen die Geſetze unſerer Sprache nun aus ihr ſelber zu ſchöpfen, nachdem wir ſie längere Zeit nach fremden Maßſtäben gemeſſen und geregelt. In kurzer Zeit hat ſich ſchon eine altdeutſche Bibliothek gebildet, ein rühmlicher Eifer regt ſich, alle Lücken zu ergänzen, und nicht länger verſchloſſen liegen die Quellen unſerer Sprache. Mehrere Zeitſchriften für deutſches Alterthum, beſonders diejenigen von Haupt und Pfeiffer, zeugen von der tieferen Theilnahme für unſere Vorzeit. Der durch die Naturwiſſen⸗ ſchaften geſchärfte Sinn des Volkes verlangt Gediegenes. Seit den Befreiungskriegen iſt in allen edlen Schichten der Nation anhaltende und unvergehende Sehnſucht entſprungen nach den Gütern, die Deutſchland einigen und nicht trennen, die uns allein das Gepräge voller Eigenheit aufzudrücken und zu wahren im Stande ſind. Es iſt ein erfreuliches Zeichen der Zeit, daß das Wörterbuch der Gebrüder Grimm durch die warme Theilnahme des Volkes allein, ohne anderweitige Unterſtützung, möglich geworden iſt. Ueber den Zweck des Wörterbuches ſpricht ſich Grimm folgender Maßen aus: Es ſoll ein Heiligthum der Sprache gründen, ihren ganzen Schatz bewahren, Allen zu ihm den Eingang offen halten. Einen unberechenbaren Nutzen ſtiftet das Wörterbuch dadurch, daß es unvermerkt gegenüber denen, die ſich mit fremden Sprachen brüſten, eine lebhaftere Empfindung für den Werth, häufig die Ueberlegenheit der eigenen einflößt, und die Vorlage anſchaulicher Beiſpiele, ganz abgeſehen von dem, was ſie beweiſen ſollen, Liebe zu der einheimiſchen Literatur ſtärker weckt. Schützen Wörterbücher nicht alle Wörter, ſo halten ſie doch die Mehrzahl aufrecht. Die lebendigſte Ueberlieferung erfolgt freilich von Munde zu Munde, und nach Verſchiedenheit der Landſchaften iſt ein Menſchenſchlag rühriger und ſprachgewandter als der andere. Durch ausgeſtreuten Samen können aber auch verödete Fluren wieder urbar werden. Sprachforſchung wird durch jedwede den Denkmälern zugewandte Aufmerkſamkeit und Sorgfalt gefördert und ergeht ſich auf unermeßlichem Felde. Unverhältnißmäßig den größten Beiſtand gewährt ihr das Wörterbuch, von dem an genau beſtimmter Stelle alle Wörter in ſo geordnetem Ueberblick dargeboten werden, wie ihn der unermüdlichſte Fleiß auf andere Weiſe nimmer zu Stande bringt. Das Wörterbuch gleicht einem geruſteten, ſchlagfertigen Heere, mit welchem Wunder ausgerichtet werden, und wogegen die ausgeſuchteſte Streitmacht im Einzelnen nichts vermag. So preiſt Grimm die Bedeutung des auf hiſtoriſcher Grundlage erwachſenen Wörterbuchs. Ein Woͤrterbuch wirkt am leichteſten auf die weiteſten Kreiſe, weßhalb wir gleich hier im Ein⸗ gang auf daſſelbe hingewieſen haben. Auf die hiſtoriſche Grammatik werden wir bei Beſprechung der Mittelſchulen kommen.—
Die zweite geiſtige Thätigkeit des ſich entwickelnden Volkes iſt der Mythus, die älteſte Form, in welcher der heidniſche Volksgeiſt die Welt und die göttlichen Dinge darſtellte. Jakob Grimm, Uhland, Wilhelm Müller, Simrock und einige Andere haben den Glauben unſerer Väter unſerer Erkenntniß vermittelt. Keine tiefere und lebendigere Erfaſſung unſerer Vorzeit iſt
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