Ueber die Bedeutung der germaniſtiſchen Studien für die Gegen- wart, insbeſondere für das Gymnaſium. Von Profeſſor Schulz.
Die geſunde Entwicklung unſerer Schule ſowie des vaterländiſchen Lebens überhaupt ver⸗ langt eine eifrigere Pflege der germaniſtiſchen Studien, wie man die Beſchäftigung mit deutſcher Sprache, Geſchichte und deutſchem Rechte genannt hat. Das Volk muß wie der Einzelne zur Selbſterkenntniß, zum Bewußtſein ſeines eigenthümlichen Weſens und Lebens durchzudringen ſuchen, weil ohne dieſe Kenntniß der eigenen Anlagen und Kräfte kein ſelbſtgewiſſes, erfolgreiches Handeln möglich iſt. Keinem Volke iſt dieſe Kunde vom eigenen Weſen nothwendiger als dem deutſchen, welches bei ſeiner ausgeprägten Gliederung in Stämme, Stände und Einzelſtaaten und der Fülle ſeiner geiſtigen, ſcheinbar ſich oft widerſprechenden Eigenſchaften, ohne das Be⸗ wußtſein des allen Einzelerſcheinungen zu Grunde liegenden Gemeinſamen oft an ſich ſelber und ſeinem Weltberufe irre wird und, von Zweifeln befangen, in ſeinem Handeln unſicher auf⸗ tritt. Dieſe ſelbſtbewußte Volkskunde thut einem Volke doppelt Noth, welches mit meiſt un⸗ ſicheren Gränzen in die Mitte des Welttheils geſtellt, von allen Seiten fremden Einflüſſen ausgeſetzt iſt. Eine aus der Tiefe geſchöpfte Kenntniß der Anlagen und Bedürfniſſe der eigenen Volksperſönlichkeit kann aber am wenigſten in einer Zeit, wie die unſrige iſt, entbehrt werden, indem wir in manchen wichtigen Lebensgebieten durch Verkennung unſerer eigenen höheren Be⸗ fähigung verderblichen Einwirkungen des Auslandes huldigen und ſo in trauriger Selbſtver⸗ geſſenheit uns im Voraus der Fremde unterthan erweiſen. Unſer Vaterland beſitzt indeſſen ein ſicheres Heilmittel gegen dieſe inneren Mißſtände und äußeren Gefahren. Es ſind dieß die germaniſtiſchen Studien, durch deren angemeſſene Förderung Schule und Leben in erfreulicher Wechſelwirkung zu immer kräftigerem Gedeihen gelangen müſſen. Ich werde daher zuerſt die bisherige Entwicklung und allgemeine Bedeutung der germaniſtiſchen Studien kurz zu bezeichnen ſuchen und zwar wo möglich mit den Worten ihrer bedeutendſten Förderer ſelbſt, weil ich auf dieſe Weiſe hoffen darf, die wahren Freunde des Volkes, die Familienväter, die ſtaatlichen und
kirchlichen Behoͤrden durch die Ausſprüche der erſten von ganz Deutſchland verehrten Männer
der Wiſſenſchaft am ſicherſten für die große Sache, welche ich zu vertreten geſonnen bin, zu V erwärmen. Darauf werde ich beiſpielshalber einzelne Aufgaben bezeichnen, welche die übrigen Lebenskreiſe zu erfüllen haben, um den Beſtrebungen der Schule die nöthigen Vorbedingungen und Grundlagen eines ſicheren Gedeihens zu gewähren. Zum Schluß ſoll noch die Rede davon ſein, was die Schule und insbeſondere das Gymnaſium durch gewiſſenhafte Benutzung der von der Wiſſenſchaft dargebotenen Unterrichtsmittel für die lebendige Erkenntniß und Förderung des Volksgeiſtes und Volkslebens zu leiſten hat. Der gegenwärtige Standpunkt der Wiſſenſchaft lehrt uns, daß man einen Gegenſtand am beſten erkennt, wenn man ſein Entſtehen, ſeine Entwicklung ins Auge faßt. So hat man denn auch die allmählige Süfaltan des Volksgeiſtes zu erforſchen geſucht und iſt auf dieſem Wege zu der Erkenntniß gelangt, da die Sprache die erſte geiſtige Thätigkeit des Menſchen iſt, welche die Grundlage aller uͤbrigen bildet. Die zweite Geiſtesthat aller Völker war die Religion in der Form des Myrhus, aus welcher auf einer dritten Stufe der eigentlich künſtleriſche Sinn hervorwuchs, zunächſt im Epos und bei begünſtigteren Völkern in den übrigen Künſten, unmer in organiſch ſtetiger Weiſe. Zuletzt endlich erheben ſich die begabteſten Nationen auf die vierte Stufe, diejenige der rein wiſſenſchaftlichen Betrachtung. Dieſe geſetzmäßige Entwicklung hat Wilhelm von Humboldt in ſeinen die ganze Menſchheit umfaſſenden Betrachtungen(Ueber die Kawiſprache S. CCIX 2c.) nachgewiefen und die Gebrüder Grimm haben mit ihren Genoſſen dieſe Erkenntniß bei ihren Darſtellungen des Lebens des deutſchen Volkes ſinnig und umfaſſend angewendet.
Was nun die erſte dieſer Entwicklungsſtufen anlangt, ſo hat Jakob Grimm in ſeiner deutſchen Grammatik eine Wiſſenſchaft von unſerer Sprache aufgeſtellt, wie kein anderes Volk
4 1


