Aufsatz 
Über einige Forderungen der Zeit an eine tüchtige Gymnasialausbildung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Nationen. Hillebrand ſagt:Hauptſächlich war es im Allgemeinen die Befreiung aus den Feſſeln des Buchſtabens und die Erhebung von ihm zur Idee des Alterthums, welche hier von der philoſophiſchen Reformation vermittelt wurde. Religion, Staat und Kunſt des Alterthums wurden ſeitdem aus dem Spiegel ſeiner Sprache und Lite⸗ ratur in kennbarſten Zügen und treuer Wahrheit vorgezeigt. Auch die eigentliche Schulbildung gewann bedeutſamen und erfolgreichen Fortſchritt. Man fing mehrfach an, bei dem altklaſſiſchen Unterrichte zugleich darauf zu ſehen, daß der jugendliche Geiſt durch die großen Ideen und Lebensanſchauungen der Alten erhoben und nicht bloß mit dem Gerüſte formeller Sprachdoktrin beläſtiget werden möge. Ueber den Einfluß des griechiſchen Genius auf Deutſchland hören wir noch Fortlage:Auf dem modernen Griechenthum ruht der Geiſt fortſchreitender wiſſenſchaftlicher Bildung in Europa. Dieſes Prinzip übt in der modernen Welt eine ebenſo elektriſche Wirkung auf die Völker aus, wie im Mittelalter das Papſtthum that. Es iſt eine ſtarke, geiſtige Macht, denn es braucht keinen irdiſchen Stellvertreter, weil es ſelbſt überall zur Stelle iſt; es braucht keine bewaffnete Autorität, weil es den Verſtand der Menſchen eigenhändig überwindet. Und inſofern an ſeiner reinen Geiſtigkeit nichts Irdiſches iſt, das in Mißbrauch, Verderben oder Fäulniß gerathen könnte, kann man es ein unſterbliches Princip nennen. Von den Griechen lernen wir eine ideale Auffaſſung der Natur, welche in ihren plaſtiſchen Denkmalen nach Carus ſelbſt für die Pſychologie und Medicin von Wichtigkeit iſt. Wie groß, feſt und licht haben die Hellenen die ganze Schöpfung im Gegenſatz zu unſerer nordi⸗ ſchen ſentimentalen Verſchwommenheit dargeſtellt! Wie haben ſie das Charakteriſtiſche der Pflanzen und Thiere, der Menſchen und aller Naturerſcheinungen in ihrer Sym⸗ bolik und Mythologie tief und ſinnig erfaßt! Mit der wachſenden Kenntniß der Natur⸗ geſchichte Griechenlands wächſt auch das Erſtaunen über dieſe künſtleriſche Weisheit. Vor allen Dingen aber müſſen wir von den Hellenen lernen, wahrhaft geſund zu werden, an Leib und Seele. Wir laſſen hierüber am Beſten den geiſtvollen Diätetiker Ideler reden:Wir finden bei den Griechen den Begriff der Geſundheit in ſeiner ganzen Bedeutung verwirklicht, ſoweit dies nämlich von einer Idee möglich iſt. Die Trefflichkeit der griechiſchen Gymnaſtik iſt nicht nur in die durch ſie bewirkte Har⸗ monie der gleichzeitig angeregten geiſtigen und körperlichen Kräfte zu ſetzen; vielmehr praͤgt ſich das Charakteriſtiſche derſelben darin aus, daß die Begeiſterung für alles Edle, Gute und Schöne die eigentliche Seele der Leibesübungen ausmachte, und dadurch jene Vollkommenheit des Lebens ermöglichte, welche der Diätetik als ihr eigentliches Ziel geſteckt iſt. Die Griechen erkannten die Nothwendigkeit, die Leibesſtärke