6
durch die Schwungkraft des Geiſtes zu beſeelen, wenn erſtere jene unzerſtörbare Energie, jene rüſtige Lebendigkeit und friſche Bildſamkeit erlangen ſoll, wodurch ſie allein zum tauglichen Organ für die edelſten Beſtrebungen des Menſchen werden kann, welcher außerdem ſeinen Zweck nur unvollſtändig erreicht.“— Daß die Griechen noch geſunder hätten ſein können, wenn ſie ſocialen Leidenſchaften und Laſtern nicht ſo gefröhnt, wird von Ideler nicht geleugnet. Die Athenienſer und Spartaner werden von ihm ſehr geiſtvoll als die Prototypen der Wiſſenſchaft und That dargeſtellt.— In Sparta herrſchte einſeitig die Gymnaſtik vor. Welch' ein Gemälde aber entfaltet
ſich in Athen vor unſern Augen, nicht etwa einzelner Individuen, welche mit ſtudirter Sorgfalt jeden Lebensgebrauch abmeſſen, und dadurch höchſtens zu einem zwei⸗ deutigen Wohlſein gelangen, ſondern eines ganzen Volkes, welches täglich ſich in dem Quell der Geſundheit badete, und in friſcher, verjüngter Kraft den Drang zu allem Hochherzigen und Mächtigen ſpürte, deſſen Gewalt noch nach Jahrhunderten zur Bewun⸗ derung und Nacheiferung fortreißt. Alle Meiſterwerke der griechiſchen Wiſſenſchaft und Kunſt, welche die Gunſt des Schickſals aus dem Schiffbruch des Menſchengeſchlechts in dem Zeitalter der Barbarei für uns gerettet hat, tragen das volle Gepräge innerer Geſundheit, objectiver Wahrheit, organiſcher Vollſtändigkeit an ſich, und gleichen daher den Erzeugniſſen, welche die Natur in ihrer plaſtiſchen Ruhe und geſetzlichen Strenge hervorbringt, um ihnen den Charakter der Selbſtſtändigkeit vollſtändig anzueiguen. Wir werden nicht die außere Erſcheinung der griechiſchen Gymnaſtik ſclaviſch nach⸗ zuahmen haben, ſondern nur die urſprüngliche Idee derſelben entlehnen. Dazu gehört aber vor Allem die Einfuͤhrung jener öffentlichen Feſte, an denen das Volk in der Anſchauung der Kraftfülle ſeiner Jugend zum überzeugenden Bewußtſein von ſeiner unüberwindlichen Stärke gelangen, und hierin die Bürgſchaft ſeiner nationalen Selbſt⸗ ſtändigkeit allen Feinden des Vaterlandes gegenüber finden ſoll. Es würde mich zu weit führen, wollte ich Alles aufzaͤhlen, was wir von den Griechen in Staatsleben, Kunſt und Philoſophie lernen können, ſo anziehend es auch wäre, ſich in die Geiſtesfülle und hohe Schönheit zu verſenken, welche nach O. Müller das Leben in Athen wahrhaft lebenswerth machten.*) Indem ich nur die am Entſchiedenſten abgefaßten Gutachten der erſten Männer Deutſchlands über die wichtigſten Punkte unſeres Erziehungsweſens
*) Ueber das Bundesweſen, die Colonialpolitik der Griechen, ibr Verhalten dem Orient gegen⸗ üver, ihre Volksfeſte, ihr Theaterweſen ꝛc mit beſonderer Beziehung auf unſere Zeit habe ich in Buͤlau's pol. Jahrbb., in der Beilage der Allg. Augsb. Zeitung und andern Zeit⸗ ſchriften in den Jahren 1843— 46 meine Anſichten entwickelt.


