Aufsatz 
Über einige Forderungen der Zeit an eine tüchtige Gymnasialausbildung
Entstehung
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3 heit, Schönheit in allen Sphären menſchlichen Daſeins und düſterer Ernſt: Vorherr⸗ ſchen der nach Außen gerichteten Thätigkeiten und Ueberſchwenglichkeit der Empfindung: ein ſchroffer Patriotismus dort, hier Kosmopolitismus: Allgewalt des Staates dort, hier der Kirche: dort Unterordnung des Individuums unter den Staat, hier Unter⸗ ordnung des Staates unter das Individuum.

Die neuere Zeit hatte nun die Aufgabe, dieſe Gegenſätze zu vermitteln, die Natur in das wahre Verhältniß zum geiſtigen Elemente in uns zu ſetzen, und das rechte gegenſeitige Verhältniß zwiſchen Staat, Kirche und Individuum zu erſchaffen. Die neuere Richtung betrachtet die Natur nicht als das böſe, feindliche Element, wie das Mittelalter, aber auch nicht als das unwiderſtehliche Alles beherrſchende, wie das Alterthum. Sie faßt vom Alterthume die ſchöneren Verhältniſſe auf, in welchen die damalige Menſchheit zur Natur geſtanden, namentlich die künſtleriſche, poetiſche, litera⸗ riſche Richtung; vom Mittelalter hingegen das myſtiſche Element, jenes Einkehren des

Menſchen in ſich ſelbſt, das Erheben zu der Beſchauung des göttlichen Weſens, das

Beſtreben, ſein ganzes Sein und Thun in die innigſte Beziehung zu Gott zu ſetzen. Sie ſieht daher die Frömmigkeit nicht in dem Fliehen der Welt, in der Unterdrückung des natürlichen Elementes, ſo wenig ſie übrigens die ſchrankenloſe Hingebung unter daſſelbe billigen will, auch nicht in der Beobachtung äußerer Gebräuche; ſondern in der ganzen Geſinnung des Menſchen. Sie ſucht dem Individuum ſeine Freiheit zu

garantiren, der Allgewalt des Staates ſowohl, wie der der Kirche gegenüber: ohne

jedoch eine Anarchie zu beabſichtigen. Im Gegentheil: dem Staat verhilft ſie wieder zu der Einheit, die er im Mittelalter verloren, und wodurch er in Anarchie verſunken war: ſie macht ihn wieder zu einer Idee, zu einer moraliſchen Perſon, ohne ihm jedoch die Selbſtſtändigkeit des Individuums zu opfern. Vielmehr macht ſie die perſönliche Freiheit des Individuums erſt allgemein. Der Kirche nimmt ſie die unumſchränkte Gewalt, die ſie über die Gewiſſen ausgeübt: aber ſie unterwirft ſie darum nicht dem Staate als deſſen Dienerin, wie dieß im Alterthum der Fall geweſen. Vielmehr ſoll ſie eine möglichſt freie und allgemeine Form des religiöſen Bewußtſeins werden, ohne die Freiheit deſſelben irgendwie zu beeinträchtigen. Sie ruft endlich die Nationalitäten wieder hervor mit dem Patriotismus, aber ohne dieſen zu der Schroffheit des Alter⸗

thums auszubilden, ſondern ſie verklärt und vergeiſtigt ihn durch die Idee der Menſchheit.

Dieſe Beſtrebungen der neueren Zeit, welche übrigens natürlich in der zweiten

Haͤlfte des Mittelalters ſchon ſtarke Anknuͤpfungspunkte haben, laſſen ſich am beſten unter

den drei Geſi ſcheöpunkten der innerlichen und freien religiöſen, der nationalen und 1*