2 Darum wende ich mich zunächſt an meine naſſauiſchen Mitbürger, und ſuche mein Scherflein dazu beizutragen, die offentliche Theilnahme für einen ſo wichtigen Gegen⸗ ſtand noch mehr zu beleben, damit ſie den guten Abſi ichten der Staatsregierung foͤr⸗ derlich entgegen komme.
Das ganze Gebiet der Gymnaſialpadagogik, ſowie der Pädagogik überhaupt, möchte ſich am Beſten unter den drei Geſichtspunkten des Ziels der Erziehung, der Natur des Zöglings und der Beſchaffenheit des Lehrers ſammt der Schule betrachten laſſen. Das Ziel des Unterrichts und der Erziehung iſt die Cultur, der Geiſt des Volkes, das Bildungsideal der Nation, worin die allgemeine, ewige Idee der Menſchheit nach der beſonderen Natur des Volkes und ſeiner jeweiligen Entwicklungs⸗ ſtufe beſtimmt erſcheint. Die Pſychologie oder beſſer die Anthropologie zeigt uns die Natur des Zöglings, und deutet uns hiermit den Weg an, auf welchem derſelbe zum Ziel geführt werden muß. Das Ziel der Erziehung, ſowie den Ausgangspunkt im Zögling faßt die Schule in's Auge, welche dieſen zu jenem zu führen hat. Wir wollen zuerſt vom Ziel, hierauf vom Zögling und zuletzt von der Schule und dem Lehrer reden.
Das Ziel der Erziehung haben wir in die Cultur, in den Geiſt des Volkes geſetzt. Der deutſche Geiſt der Gegenwart fällt im Weſentlichen mit dem des neueren Europa zuſammen, indem gerade die Deutſchen dieſen neueuropäiſchen Geiſt vorzugs⸗ weiſe heraufgeführt haben. Dieſen Geiſt der neuen Zeit glaube ich am beſten zu beſtimmen, indem ich ihn mit unſern erſten Philoſophen und Hiſtorikern dahin angebe, daß er eine Vermittlung der antiken und mittelaltrigen Weltanſchauung erſtrebt. Dies iſt das Ringen der europäiſchen Menſchheit ſeit Dante, beſonders aber ſeit der Zeit, von welcher man die ſogenannte neuere Geſchichte beginnen läßt. Noch ſind wir in der Löſung dieſer Aufgabe begriffen, ſo lebendig ſich auch das Beſtreben dieſer Ver⸗ mittlung auf's Neue ſeit der Mitte des vorigen Jahrh underts herausgeſtellt hat, und noch lange wird die europaiſche Geiſtesgeſchichte in dieſem Proceſſe beſtehen. Wir wollen in der vorliegenden Aufgabe beſonders dem Hiſtoriker Hagen folgen, welcher in ſeiner Geſchichte der literariſchen und religiöſen Verhältniſſe Deutſchlands im Refor⸗ mationszeitalter dieſelbe ſehr kenntniß⸗ und geiſtvoll behandelt hat.
Alterthum und Mittelalter unterſcheiden ſich*) durch die größten Gegenſätze: ausſchließlicher Einfluß der Natur und gänzliche Negirung derſelben: Heiterkeit, Klar⸗
*) Die nähere Begründung ſiehe in Hagen's Geiſt der Reformation.


